#kreativitätsmittwoch

Ein neues Projekt, mit einer Prise Fantasie

Meine liebe Autorenkollegin Rebekka Haindl hat auf Instagram einen neuen # ins Leben gerufen, der mich ein wenig von meinem gewohnten Genre wegführt. 
Unter dem #kreativtätsmittwoch wird ein Thema unter dem #writemytheme ausgegeben und in der kommenden Woche von Illustratoren unter dem #drawmyscene ins Szene gesetzt.
Was als Unterstützungspost anfing macht mir so viel Spaß, dass ich mich gespannt auf die neuen Themen warte um an meiner fantastischen Fortsetzungsgeschichte weiterzuschreiben.
Die Bilder der Illustratoren zu meinen Storys kann ich leider aus urheberrechtlichen Gründen nicht auf meiner Website zeigen, aber wenn ihr mir auf Instagram folgt, werdet ihr sie in meiner Story finden.

#kreativitätsmittwoch

Eine magische Begegnung mit einer Laterne

Jedes Mal, wenn ich auf dem Heimweg die Abkürzung durch diese alte, verwinkelte Gasse am Hafen nehme, flackert die einzige Straßenlaterne darin, als wäre sie ein Blinker. 

Beim Einbiegen auf den mit Kopfsteinpflaster gesäumten Weg, leuchtet sie ganz normal, aber sobald ich das Haus des Schusters passiere, beginnt die Glühbirne zu zucken und ich beschleunige unwillkürlich meine Schritte. 

Immer wieder habe ich mir vorgenommen, mir dieses Phänomen genauer anzusehen, aber wenn ich in Begleitung bin, passiert es natürlich nicht, und allein habe ich zu viel Angst. 

Heute fällt mir zum ersten Mal auf, dass sie schneller flackert, je näher ich komme und beim Weitergehen nimmt die Frequenz ab. 

Das irritiert mich so sehr, dass ich stehen bleibe und zurücklaufe. Auf dem Rückweg geschieht das Gleiche. Das Flackern hat seinen Höhepunkt, wenn ich die Laterne passiere. 

Irritiert davon nehme ich all meinen Mut zusammen und schaue mich genauer um. An der Hauswand dahinter erkenne ich eine blass schimmernde Holztür. Ich blinzle. Es hat den Anschein, sie würde wie ein Spiegelbild im Wasser dahinschwappen. Kopfschüttelnd will ich weitergehen, aber dann erscheint ein Schriftzug auf der Tür. 


Tritt ein, Marie. 

#kreativitätsmittwoch

Der Blick in den Abgrund

Fortsetzung …

 

Mein Herz klopft wild gegen meinen Brustkorb. Bilde ich mir das alles nur ein? Vorsichtig gehe ich einen Schritt auf die Tür zu. Aus dem Nichts erscheint ein Löwenkopfklopfer vor meinem Gesicht, an dem ich zaghaft um Einlass ersuche.

Kaum berührt der Klopfer das Holz der schwappenden Tür, geht sie mit einem ohrenbetäubenden Knirschen nach innen auf.

„Tritt ein, Marie!“

Die säuselnde Sopranstimme lässt mich an einen Sirenengesang denken und ich mahne mich zur Vorsicht. Ängstlich trete ich über die Schwelle. Der Raum dahinter ist stockfinster. Nach drei Schritten bleibe ich stehen, will umkehren. In diesem Moment fällt die Tür hinter mir mit einem Krachen ins Schloss. Meine Augen gewöhnen sich sukzessiv an die Dunkelheit und ich entdecke ein Licht, das mich wie das Ende eines Tunnels geradezu anfleht, darauf zuzulaufen.

Ich will einen Schritt nach vorne machen, aber es fühlt sich merkwürdig an. So, als würde ich den Halt verlieren. Trotz der Dunkelheit blicke ich auf den Boden und weiche erschrocken zurück. Unter mir hat sich ein riesiger Abgrund aufgetan. Die steilen, roten Felsen der tiefen Schlucht sind hier und da mit üppigen Bäumen bewachsen und ein Sammelsurium an exotischen Vögeln kreist am Himmel. Auf einem Felsvorsprung erblicke ich ein altes, halbzerfallenes Haus. Es scheint bewohnt zu sein, denn aus dem Schornstein steigt Rauch auf und rundherum ist ein verwilderter Garten mit bunt blühenden Blumen.

Ich will umkehren, und wieder zurück in die Gasse treten, aber die Tür hinter mir ist verschwunden.

Ängstlich blicke ich in den Abgrund, als ich plötzlich wieder den Sirenengesang höre:


„Spring! Marie, spring!“


#kreativitätsmittwoch

Sinne

Fortsetzung …

 

Angezogen von der wundersamen Melodie, komme ich der Aufforderung nach, schließe meine Lider und stürze mich in den Abgrund. 

Beim Übertreten wird mein Körper mit Adrenalin geflutet. Ich hatte angenommen, es würde sich rasant und aufregend wie in einer Achterbahn anfühlen, aber tatsächlich ist es, als würde ich schweben. Ein leichtes Kribbeln läuft meine Wirbelsäule entlang. Ängstlich öffne ich meine Augen. Mein Sturz zu dem halbverfallenen Haus ist ein drehe ich den Kopf und erblicke hinter mir zwei riesige Flügel, die aus meinem Rücken emporragen. Bei näherem Hinschauen erkenne ich Abertausende kleine Schmetterlinge, die sich formiert haben, um mich sukzessiv dem Ziel näherzubringen. 

Meine Landung ist fluffig, als würde ich auf Wolken gebettet. 

Vorsichtig lasse ich meinen Blick umherschweifen. Der Duft der vielen bunten Blumen hüllt mich in einen Mantel aus Geborgenheit, Liebe und schenkt mir das Vertrauen, auf die kleine Hütte zuzugehen. Bei näherer Betrachtung wirkt sie nicht länger verfallen. Es ist ein solide gebautes Häuschen mit kleinen Sprossenfenstern. 

Die Eingangstür ist nur angelehnt und aus dem Inneren dringt ein Geruch, der den Blumenduft überlagert und mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Es riecht nach Nudelsalat und frischem, knusprig gebackenem Brot, Würstchen und ausgelassenem Speck, den verschiedensten Gewürzen und nach Süßem. 

Ohne nachzudenken stoße ich die Tür auf und trete in eine riesige Wohnküche. In der Mitte des Raums steht eine über und über mit Speisen beladene Tafel. Hinter dem Berg mit Essen tritt eine kleine, ältere Frau hervor. Um die Hüfte hat sie eine Schürze gebunden und in der Hand hält sie einen Kochlöffel, mit dem sie auf das einzige Gedeck auf dem Tisch deutet:

 

„Iss! Marie, iss!“ 


#kreativitätsmittwoch

Sturm

Fortsetzung …

  

Der Wind hat aufgefrischt und heult durch die tiefen Schluchten des Canyons. Das Feuer wird vom Sog im Kaminschacht angefacht und flackert nervös und ein sintflutartiger Regen peitscht gegen die Fenster. Ich schiebe meinen Teller von mir und beobachte die ältere Frau, die, seit sie mich zum Essen aufgefordert hat, kein Wort mehr gesprochen hat. 

Schweigend lege ich meinen Teller in ihr Spülwasser und nehme mir ein Handtuch, als plötzlich ein tuckerndes, stotterndes Brummen von draußen hereindringt. 

„Was ist das?“, frage ich ängstlich und schaue angestrengt durchs Fenster. 

Ein Licht nähert sich und ich renne zur Tür, um zu sehen, was da auf uns zukommt. Beim Öffnen reißt mir der Sturm die Klinke aus der Hand und die massive Holztür kracht gegen die Wand. Der Regen wird hereingeweht und durchnässt mich. 

Ich trete nach draußen und ziehe mit größter Anstrengung die Tür ins Schloss. Das Tuckern wird lauter und das Licht schwankt in den Böen hin und her. 

„Ist das ein Flugzeug?“ Meine gemurmelte Frage geht im Aufheulen des Windes unter, aber kurze Zeit später landet tatsächlich eine halbzerfetzte Doppeldeckermaschine auf der Wiese und verfehlt die große Eiche darauf nur knapp. 

Sie kommt zum Stehen. Ihre Flügel werden von den Windstößen auf und niedergebogen und es knirscht fürchterlich. Die Einstiegsluke zum Cockpit wird aufgedrückt und der Pilot klettert über die Tragfläche heraus. 

Er hält eine große, schwere Truhe in seinen Händen und gegen jede Vernunft eile ich zu ihm, um ihm behilflich zu sein. Umständlich reicht er mir die Kiste und klettert zu mir auf den Boden. 

Ich will ihn zum Haus ziehen, aber er hält mich zurück und deutet auf den herannahenden Tornado, der auf die Hütte zuhält. 

Entsetzen breitet sich in meinen Eingeweiden aus und ich warte darauf, dass ich aus diesem Albtraum aufwache. Durch das Fenster sehe ich die Frau an der Spüle und meine Gedanken rasen. Sie zu warnen wäre tödlich für mich, aber ohne Warnung hat sie keine Chance. Hin und hergerissen spüre ich die nadelspitzen Tropfen nicht länger, die aus allen Richtungen auf mich eindreschen. Ich bin wie gelähmt, als ich plötzlich eine Stimme höre. 


„Versteck dich! Marie, versteck dich!“ 


#kreativitätsmittwoch

Der erste Tag

Fortsetzung …

  

Mit letzter Kraft haben wir uns durch eine unscheinbare Felsspalte in eine winzige Höhle gezwängt und sind erschöpft auf den Boden gesunken. Kurze Zeit später sind wir aneinander gekuschelt, am ganzen Leib zitternd in unseren durchnässten Klamotten eingeschlafen. 

Wie lange ich geschlafen habe, weiß ich nicht. Meine Hose und mein Shirt sind jedenfalls trocken. 

An der Felswand lehnt der fremde Pilot. Er hat ein kleines, wärmendes Feuer gemacht, das zwischen uns flackert. 

„Ich bin Marie. Und wer bist du?“, versuche ich meine Neugier zu befriedigen. 

„Niemand von Belang.“ 

Mit einem Augenrollen richte ich mich auf. Die Geräusche, die von draußen hereindringen, wirken friedlich. 

„Na fein, niemand von Belang. Das Unwetter scheint abgezogen zu sein. Ich werde sehen, ob ich der Frau helfen kann.“ 

„Dein Wunsch ist mir Befehl.“ Er nickt huldvoll und löscht mit einem Fingerschnippen das Feuer. 

Ich habe in letzter Zeit Merkwürdigeres erlebt, um mich darüber zu wundern. 

Beim Hinauszwängen aus der Höhle muss ich die Augen zusammenkneifen. Die Strahlen der Sonne sind so intensiv, dass es schmerzt. Als ich sie langsam blinzelnd öffne, trifft mich beim Anblick des Canyons der Schlag. 

Alles ist weg. Das Haus, das Flugzeug, die Bäume, die Blumen, selbst der Rasen und die Vögel. 

Verängstigt trete ich an den Rand der Schlucht. Dort, wo es vor wenigen Stunden noch in die Tiefe ging, ist jetzt ein riesiges Meer. 

„Was ist hier passiert?“ 

„Der Lauf der Zeit hat ein neues Portal geöffnet und am Ende des Ozeans beginnt der erste Tag.“ 

„Hör auf mit dem kryptischen Gerede. Ich wollte einfach nur eine Abkürzung nach Hause nehmen und jetzt?“ 

Der Wasserpegel steigt weiter an und das kühle Nass schwappt mir über die Füße. Seufzend blicke ich von meinen nassen Turnschuhen zum Horizont, als ich durch das Rauschen der tosenden Wellen eine Stimme höre: 




„Schwimm! Marie, schwimm!“ 


#kreativitätsmittwoch

Eine ungewöhnliche Perspektive

Fortsetzung …

  

 

In dem Augenblick, in dem ich ins Wasser gesunken bin, hat sich mein Bewusstsein aus meinem Körper herausgelöst, ist über die wogenden Wellen ans andere Ufer geflogen und in etwas hineingeschlüpft.

Als dieses Etwas stecke ich zur Hälfte im schlackigen Morast fest und fühle die auslaufenden Wellen gegen meinen glatten Körper schwappen.

Ein Versuch, mich zu bewegen, scheitert. Arme und Beine sind mir abhandengekommen, aber ich fühle einen sehr langen Hals, auf dem ein Verschluss sitzt. Dieser herausragende Teil von mir beobachtet Marie, die sie sich, dicht gefolgt von Niemand von Belang, durch die unruhigen Fluten kämpft.

Mit jeder neuen Welle verliere ich sie aus dem Blickfeld, aber ich spüre, dass sie näherkommt. Wir gehören zusammen und sie muss unbedingt finden, was in mir schlummert. Es fühlt sich weich und hart zugleich an und es brennt mir im übertragenen Sinn ein Loch in den Bauch. Es ist immens wichtig für uns.

Könnte ich, würde ich mich aus der Matschepampe um mich herum wuchten und Marie entgegen … Ja, was denn? Ohne Beine kann ich nicht gehen. Hüpfen? Vielleicht, aber ich weiß, dadurch gehe ich kaputt. Das Material, aus dem ich bin, ist zerbrechlich und ich kann von Glück reden, dass ich diese Sintflut überlebt habe. Ich könnte noch versuchen, ihr entgegenzurollen, aber durch den schmalen Hals würde ich mich vermutlich im Kreis drehen.

Also harre ich aus und warte, beobachte Marie, wie sie triefnass aus dem Wasser klettert und sich irgendwie frustriert umblickt. Das unsichtbare Band zwischen uns lässt mich spüren, dass sie verzweifelt nach mir sucht.

Könnte ich, würde ich sie rufen oder anderweitig auf mich aufmerksam machen, aber ich liege einfach nur halb versunken im Schlamm. Sie entfernt sich ein paar Schritte von mir, bleibt stehen und kommt dann endlich in meine Richtung.

‚Ja, genau hier bin ich.‘

Ihr Kopf ist hoch erhoben und sie blickt in die Ferne. Mit ihrer Fußspitze tritt sieh gegen mich und alles wackelt, aber ich gehe zum Glück nicht kaputt.

„Was ist das denn? Eine Flaschenpost?“

Ihr riesenhafter Körper geht in die Knie und ihre gigantische Pranke greift nach meinem schlanken Hals. Mit einem Plopp öffnet sie meinen Bügelverschluss. Ein Strudel Luft zwängt sich durch die Öffnung in mich und entlockt meinem Inhalt ein flehendes Wispern.

 

„Lies mich! Marie, lies mich!“

#kreativitätsmittwoch

Alternative Realität

Fortsetzung …

  

Merkwürdige Nachricht“, denke ich und lese sie mir noch einmal durch. 

„Was sagst du?“ 

Mein Begleiter, Niemand von Belang, sieht mich fragend an. „Hatte ich das jetzt laut gesagt?“ 

„Ja, laut und deutlich – meine Güte ist ihr während der Odyssee der letzten Stunden etwas auf den Kopf gefallen?“ 

„Warum sprichst du von mir in der dritten Person?“ 

Mit verwirrter Miene kommt er ein paar Schritte auf mich zu, reißt mir den Zettel aus der Hand und studiert ihn, als wäre es eine dicke Schmöckerschmonzette und nicht nur ein einzelner Zettel mit fünf Wörtern. 

Was für eine dusselige Nuss habe ich denn da abbekommen?“ 

„Hey, wie redest du über mich?“ 

Wieso hat sie das gehört? Habe ich laut gedacht?“ 

Er bewegt seine Lippen nicht. Was geht hier vor sich?“ 

„Hör auf zu denken, sofort!“ 

Leichter gesagt als getan.“ 

„Denk an drei singende Fische“, er deutet auf den Zettel. „Da steht es verwässert auf vergilbt.“ 

Will er mich jetzt für dumm verkaufen? Der hat ja nicht mal einen richtigen Namen.“ 

„Mensch Marie, an diesem Ufer laufen die Uhren ein bisschen anders. Alles, was du denkst, ist hörbar.“ 

Verarschen kann ich mich selbst.“ 

Plötzlich höre ich eine völlig disharmonische Melodie. Es klingt, als würden mehrere Lieder gleichzeitig abgespielt werden, die nicht im Entferntesten zusammenpassen. 

„Was ist das jetzt wieder?“ 

„Meine singenden Fische.“ 

Das meint der jetzt echt ernst.“ 

Er nickt überdeutlich und wedelt mit dem Zettel. 

Angestrengt stelle ich mir drei Karpfen vor. Das funktioniert genauso wenig, wie sie das gleiche singen zu lassen. Am Ende singt ein Goldfisch „Freude schöner Götterfunken“, ein Hammerhai „Highway to Hell“ und ein Zitteraal den „Radetzky Marsch“ von Johann Strauss. 

Zusammen mit dem Gesinge von Niemands Fischen klingt es wie das Einstimmen eines Orchesters, bei dem sich keiner an die Reihenfolge hält und alle durcheinander fiedeln. 

Auf einmal höre ich zwischen all dem schrillen Gekreische eine glockenhelle Stimme: 

 

„Konzentrier dich! Marie, konzentrier dich!“ 

#kreativitätsmittwoch

Trockenzeit

Fortsetzung …

  

Langsam habe ich mich daran gewöhnt, nicht mehr zu denken, ohne dabei meine Fische im Kopf zu sehen.

„Was machen wir jetzt“, frage ich Niemand von Belang und sehe mich um.

Irritiert stelle ich fest, dass sich dort, wo eben noch ein riesiger wassergefüllter Canyon war, eine nicht enden wollende Wüste befindet.

Langsam drehe ich mich um meine eigene Achse. Ringsherum Sand, soweit das Auge reicht.

Die Sonne brennt vom Himmel und verdunstet die Feuchtigkeit aus meiner triefnassen Kleidung. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren und obwohl es mir so vorkommt, dass ich gerade eben noch die Abkürzung durch die dunkle Gasse genommen habe, müssen Stunden, wenn nicht Tage vergangen sein.

„Ich habe Durst.“

Niemand von Belang reißt mich mit seiner Feststellung aus meinen Gedanken. Ich greife nach der Wasserflasche in meiner Tasche und stelle zu meiner Ernüchterung fest, dass ich sie bis zum letzten Tropfen geleert habe.

„Wir sollten uns auf den Weg machen, um eine Wasserstelle zu finden.“

Es gibt keine Anhaltspunkte, wo wir diese finden könnten, alles sieht gleich aus. Ein letztes Mal blicke ich mich um, schließe kurz die Augen und mache den ersten Schritt.

Wir laufen, während die Sonne den Zenit überschreitet. Die Hitze macht uns schnell zu schaffen. Mein Begleiter reißt sein Hemd in zwei Teile und fordert mich auf, mir den Fetzen Stoff, um den Kopf zu binden. Je weiter der Nachmittag fortschreitet, desto schwerer werden meine Beine und meine Kehle ist staubtrocken. Ich bin müde, aber sobald ich vorschlage, eine kurze Pause zu machen, treibt Niemand mich an weiterzugehen.

Die Landschaft um uns herum ändert sich nicht. Überall flirrender, heißer Sand. Kein schattiges Fleckchen in sich.

Der rote Feuerball wandert am Himmel immer weiter gen Horizont und ich hoffe auf die Nacht.

„Hey sieh mal.“ Niemand von Belang deutet mit der Hand auf eine weit entfernte Stelle vor uns. Auf dem hellen Sand heben sich undefinierbare dunkle Flecken ab. „Könnte eine Oase sein.“

„Oder eine Fata Morgana!“, brumme ich missmutig.

Ohne eine echte Wahl zu haben, passen wir unseren Weg an und steuern darauf zu.

Jeder Schritt ist eine Qual und jedes Mal, wenn ich aufschaue, um zu sehen, ob wir noch auf dem richtigen Kurs sind, habe ich das Gefühl, dass wir nicht wirklich näher kommen.

„Ich kann nicht mehr.“ Meine Stimme ist nicht mehr als ein Flüstern. Niemand legt seine Hand in meinen Rücken und treibt mich weiter an, als ich plötzlich ein leise rieselndes Säuseln höre, dass nicht von ihm kommt.

 

„Halt durch! Marie, halt durch!“

#kreativitätsmittwoch

Regenbogen

Fortsetzung …

  

Als ich meine Augen aufschlage, starre ich auf eine beigefarbene Zeltplane. Ich liege mit dem Rücken zur Raummitte auf einem spartanischen Feldbett. In der Behausung ist es stickig und schwül. Wo bin ich? Und wie bin ich an diesen Ort gekommen? Angestrengt versuche ich mich zu erinnern, was zuletzt geschehen war. Beim Gedanken an die gleißende Sonne und die kräftezehrende Hitze fühlt sich mein Mund staubtrocken an.

„Durst!“ Meine Stimme ist ein heiseres Röcheln.

Ich drehe mich um. Auf der anderen Seite des Zelteingangs liegt mein Begleiter. In der Mitte sitzen zwei Frauen auf dem Boden und unterhalten sich in einer Sprache, die ich nicht verstehe.

„Nie…“ Ich breche ab. Der Mann braucht einen Namen. Niemand von Belang liegt mir gegenüber und schaut durch seine halbgeschlossenen Lieder auf einen Fleck hinter mir.

„Hey, wo sind wir?“

Die Frauen reagieren auf meine Frage mit Schulterzucken, aber eigentlich war sie auch an Niemand gerichtet.

Sie stehen auf. Eine der beiden schöpft aus einem Eimer eine Kelle Wasser und hält sie mir an die aufgeplatzte Lippe.

„Es war eine Oase, keine Fata Morgana. Die Nomaden haben uns den letzten Kilometer hergeschleppt. Allein hätten wir es nicht geschafft.“

Er hört sich so entkräftet an, wie ich mich fühle. Die Frau mit der Kelle geht zurück zum Eimer, holt frisches Wasser und hält es Niemand an den Mund.

„Du brauchst einen Namen. Ich kann nicht immer Niemand zu dir sagen. Wie heißt du wirklich?“

„Mein Name tut nichts zur Sache.“

„Du bist lästig. Wenn du mir nicht sagen willst, wie du heißt, denke ich mir einen Namen für dich aus.“

Nachdem wir beide eine weitere Kelle getrunken haben, richte ich mich auf. Obwohl das Wasser lauwarm war, hat es mich erfrischt und die Lebensgeister in mir geweckt.

„Was hältst du von Griesgram? Oder Muffelchen?“

Er geht nicht auf meine Vorschläge ein und die beiden Frauen schauen mich irritiert an.

Eine deutet mit der Hand auf ihren Mund und reibt sich mit der anderen den Magen. Ich nicke. Ja, Hunger habe ich auch.

Sie schlägt die Zeltplane zurück. Vorm Eingang hängt ein zusätzlicher Vorhang mit durchsichtigen Perlen. Die Sonnenstrahlen brechen das Licht und fächern Regenbogenfarben auf das Gesicht meines Begleiters.

 

„Er heißt Rainbow! Marie, er heißt Rainbow!“

#kreativitätsmittwoch

Flickenteppich: Sommer, Architekt und Handtasche

Fortsetzung …

  

Bei ihrer Rückkehr hält die Oasenbewohnerin zwei Schalen Reis und eine Servierplatte mit Datteln, Feigen und Aprikosen in ihren Händen. Ihre Freundin lässt sich im Schneidersitz auf den Teppich in der Zeltmitte sinken und winkt uns zu sich. Wir bekommen die Schalen mit dem Reis und frisches Wasser gereicht. Die Platte mit den Früchten stellt sie zwischen uns.

Ausgehungert machen wir uns über die Mahlzeit her und ernten dafür zufriedene Blicke.

Nachdem ich satt bin, stelle ich meine leere Schüssel vor mich auf den Boden und führe ein Namaste aus in der Hoffnung, dass diese Geste als Zeichen meiner Dankbarkeit verstanden wird.

„Du musst nur denken“, brummelt Rainbow. „Vergiss die singenden Fische und denke ein Danke. Dann verstehen sie dich.“

Mit einem Stirnrunzeln probiere ich den Vorschlag aus und tatsächlich reagieren die beiden Frauen. Nach ein paar Versuchen klappt es mit der Kommunikation. Es ist eine wunderbare Art, die Sprachbarriere zu überwinden.

Wir unterhalten uns eine Weile. Die Stille im und um das Zelt herum beruhigt mich. Scheinbar kommunizieren die Bewohner der Oase ausschließlich über Gedanken, denn wir vernehmen von draußen nur das Säuseln des Windes und hin und wieder Geräusche, die von Tieren stammen. Es wird bereits dunkel und die beiden Frauen verabschieden sich für die Nacht.

„Rainbow heißt du also?“, frage ich, nachdem sie das Zelt verlassen haben. Überrascht sieht er auf. „Und du bist Pilot?“

„Mein Name tut nichts zur Sache. Und wenn du es genau wissen willst, ich bin Reisebegleiter.“

„Oh cool. Arbeiten da, wo andere Urlaub machen. Sommer, Sonne, Strand, ein paar Cocktails.“

„Nicht diese Art Reisebegleiter. Ich reise mit Menschen, um sie an ihr Ziel zu bringen.“

„Und vor der Notlandung warst du auf dem Weg zu einem Kunden?“

Bevor er antworten kann, dringt ein Ton an meine Ohren, der in keiner Weise zu dem Ort passt, an dem wir uns gerade befinden.

Das Läuten meines Handys.

Verwundert darüber, dass es nach dem Bad in den Fluten und der langen Zeit überhaupt noch funktioniert, greife ich nach meiner Handtasche, um es herauszuholen.

„Ja, ich war auf dem Weg und habe sie zum Glück gefunden.“

Außer mir hatte er niemanden gefunden. Ich denke an die Köchin in dem verfallenen Haus, die nicht so viel Glück hatte, das Unwetter zu überleben und werfe gleichzeitig einen Blick auf das Display. Jemand hat mir eine Mail geschickt.

„Sie ist Architektin und muss endlich mit dem Bau beginnen“, reißt Rainbow mich aus meinen Gedanken, ehe ich die Mail öffnen kann.

„Wow, das ist auch ein faszinierender Beruf. Ich friste mein Dasein in einem langweiligen Buchhaltungsbüro. Und wo ist sie?“

Ich übergehe sein Augenrollen und klicke die Mail an. Sein genervtes „Du bist echt schwer von Begriff“ geht in den Worten auf dem Display vor mir unter. Ich versuche zu verstehen, was sie bedeuten, aber sie ergeben keinen Sinn.

 

„Bau! Marie, bau!“

#kreativitätsmittwoch

Scherben |

Fortsetzung ...

  

Von einem ohrenbetäubenden Scheppern werde ich derart erschreckt, dass ich wie von der Tarantel gestochen aufspringe. Mein Handy mit der merkwürdigen Anweisung lasse ich dabei auf den staubigen Boden fallen. 

"Was war das?" 

"Vermutlich dein Baumaterial." 

„Wie zum Teufel soll ich etwas bauen? Ich habe als Kind nicht einmal Kartenhäuschen aufstellen können.“ 

Mit seinem vertrauten und inzwischen ziemlich lästigen Seufzen erhebt sich Rainbow aus dem Schneidersitz, packt mich am Ellbogen und führt mich zum Ausgang. Mit einem Ruck zieht er die Zeltplane zurück und wir stehen vor einem Berg Scherben. Es sind größtenteils blaue Glasscherben, die daliegen, als hätte jemand den Inhalt eines prall gefüllten Altglascontainers ausgeschüttet. 

"Das ist kein Baumaterial, das ist Abfall." 

Ich lasse meinen Blick über die Oase schweifen. Rund um eine Wasserstelle mit Palmen stehen etwa ein Dutzend Zelte. Vor jedem Eingang ist ein aufgetürmter Scherbenhügel. Manche aus Glas, manche aus Porzellan und jeder hat eine eigene Farbe. 

Die Bewohner der Zelte sitzen neben den Haufen und wühlen im Glas. Es macht den Anschein, als würden sie etwas suchen. Die beiden Frauen, die uns mit Nahrung und Wasser versorgt haben, knien an unserem. Ich sinke neben sie und beobachte, wie sie Scherbe um Scherbe aus dem Haufen nehmen und die Teile wie beim Puzzeln zusammenfügen. Erstaunlicherweise passt jedes Teil perfekt zusammen. 

Rainbow setzt sich im Schneidersitz zu uns und reicht mir eine besonders große, blaue Scherbe mit gezacktem Rand. Ich suche nach einem passenden Gegenstück, aber die Teile, die mir ins Auge stechen, sehen alle anders aus. Eine der Nomadinnen hält mir eine andere Scherbe mit abgerundeten Kanten hin. 

„Sie passen nicht zusammen“, murmle ich, werde aber gedrängt, die Teile aneinanderzuhalten. 

Wie von Zauberhand verschmelzen die ungleichen Stücke miteinander und ergeben ein ganzes. Ich nehme mir ein neues Teil, wieder anders geformt, und auch dieses fügt sich nahtlos zusammen. 

Scherbe um Scherbe puzzeln wir aneinander und das Glasgebilde wird immer größer. Irgendwann fügen wir unsere Einzelteile zusammen und setzen weiter Scherben daran. Auch vor den anderen Zelten werden die Gebilde immer größer. 

„Was wird das?“, frage ich niemand bestimmten. In diesem Augenblick rutschen ein paar Scherben wie eine Gerölllawine hinab und durch das Klirren dringt die Antwort auf meine Frage zu meinem Ohr: 

 

"Kugeln! Marie, Kugeln!"

#kreativitätsmittwoch

Dialog: Poasune, Asche

Fortsetzung ...

  

Nach drei Tagen Scherbenpuzzelns haben alle Zelte ihre jeweilige Kugel fertig und wir haben das bunte Sammelsurium zusammengerollt. Im Inneren sind die Kugeln in Wohnbereiche untergliedert. Jede Kugel bietet Wohnraum für etwa zehn Personen. Noch ist mir schleierhaft, wie man ins Innere gelangen soll, denn Türen gibt es nicht. 

Seit dem Beginn dieser Bauaktion hören wir aus der Ferne gelegentlich ein Grummeln und hin und wieder bebt der Boden. Nach dem zusammenrollen ist das Grummeln lauter und das Beben stärker geworden. 

„Rainbow?“ Suchend blicke ich mich nach dem mysteriösen Mann um, der aus seinem Wissen allzu gerne ein Geheimnis macht. 

"Du verlangst nach mir?" 

Überrascht drehe ich mich um. Er steht hinter mir und hält eine letzte Scherbe in der Hand. 

"Dieses Grollen, das Beben, was geschieht hier?" 

Er deutet auf den Horizont. Hinter den riesigen Sanddünen türmt sich eine große graue Wolke auf. 

"Ein Gewitter? Seit drei Tagen?" 

„Das ist die Asche eines ausbrechenden Vulkans.“ Er reicht mir die Scherbe. „Du musst den Bau beenden und Kaiwaiata helfen, sein Instrument zu finden.“ 

Die Scherbe passt exakt in eine letzte Lücke und ich setze sie ein. 

„Warum machst du es mir so schwer? Scheinbar kennst du des Rätsels Lösung. Sag mir einfach, was ich wo suchen muss.“ 

Der Wind frischt auf und ich beobachte, wie die Aschewolke größer wird. 

„Erst der Klang der Posaune wird uns Sicherheit gewähren.“ 

Eine Posaune also. Ich gehe zur grünen Kugel. Dort steht Kaiwaiata. Er ist mir von Beginn an aufgefallen, weil er sich in seinem grünen Gewand mit den goldenen Ornamentstickereien von den anderen abhebt. 

„Du suchst deine Posaune?“, denke ich und hoffe, dass ich in meinem Kopf das richtige Bild aufrufe. 

"Wenn das Unheil kommt, rettet sie unser Leben." 

Er deutet auf die Wolke und ich stelle mit Entsetzen fest, dass sie nicht größer wird, sondern näherkommt. 

"Wo hast du sie verloren?" 

"Im Sand." 

Angesichts der Tatsache, dass wir uns in einer verdammten Wüste befinden, ist diese Aussage wenig hilfreich. Ich tauche in seinen Geist und lasse die Bilder auf mich wirken. Von der Stelle, an der er sie zuletzt benutzt hat, konnte er eine Gruppierung aus drei mal drei Palmen sehen. Hektisch blicke ich mich um, entdecke sie und schätze ab, wo er in etwa gespielt haben muss. 

"Kommt mit." 

Eilends strebe ich auf eine kleine Erhebung zu und fordere alle auf, im Sand zu buddeln. Im Augenwinkel beobachte ich die schnell herannahende Aschewolke. Hoffentlich werden wir rechtzeitig fündig. 

Plötzlich konzentriert sich eine Gruppe tumultartig auf eine Stelle und fördert tatsächlich die Posaune zutage. 

Kaiwaiata nimmt sein Instrument entgegen, säubert es vom Sand und bläst hinein. Der Ton verwandelt die Außenhülle der Kugeln in eine zähe Masse. Die Nomaden streben darauf zu und treten hindurch. 

Kaiwaiata bleibt mit seiner Posaune auf der Erhebung stehen, bis wir alle hindurchgeschlüpft sind, dann sinkt er auf den Boden. Die Wolke ist jetzt so nah, dass sie bereits alles verdunkelt. 

"Was tut er da? Er muss sich retten." 

Traurig schüttelt Rainbow den Kopf. „Nur von dieser Stelle ist die Schwingung ausreichend, um die Hülle durchlässig zu machen.“ 

"Soll das heißen ..." 

 

 
"Er opfert sich! Marie, er opfert sich!" 

#kreativitätsmittwoch

Die große Chance

Fortsetzung ...

  

Tieftraurig lasse ich mich auf den Boden fallen und beobachte, wie Kaiwaiata von der Aschewolke verschluckt wird.

Seine Freunde aus der Nomadensiedlung murmeln ein leises Gebet, das sich langsam in ein hypnotisierendes Summen verwandelt, während die graue Wand den Kugeln jede Farbe nimmt.

Eine tiefe Schwärze umhüllt uns. Wir werden kräftig durchgeschüttelt und ich bekomme es mit der Angst zu tun, das Glas könnte bersten, aber nichts dergleichen geschieht.

Urplötzlich klart die Dunkelheit um uns herum wieder auf und alle beginnen frenetisch zu jubeln.

„Du hast es geschafft!“ Rainbow reißt mich stürmisch auf die Beine und in seine Arme.

Im Gegensatz zu all den anderen kann ich mich nicht freuen. Meine Gedanken gelten dem Mann mit der Posaune, der sein Leben geopfert hat.

„Wie komme ich hier raus?“

Fieberhaft suche ich nach einem Ausgang, um mit einem letzten Körnchen Hoffnung nach Kaiwaiata zu suchen.

Rainbow tritt hinter mich, packt mich an den Schultern und zieht mich an seine Brust.

„Gar nicht. Atme einmal tief durch und sieh dich um.“

Von Verzweiflung gepackt schließe ich die Augen und fülle meine Lungen bis zum Anschlag mit Sauerstoff. Er ist erstaunlich frisch und kühl. Noch einmal sauge ich Luft ein und öffne meine Augen wieder.

Die vormals bunten Kugeln haben sich zu einem ellipsenförmigen Gebilde zusammenverbunden. Die Bewohner sind in Kleidung ihrer Kugelfarbe gehüllt. Ich blicke an mir hinab und wundere mich über den reinweißen Sari. Rainbows Gewand ist schwarz. Wir heben uns zweifellos von den anderen ab, aber das ist nicht das Ungewöhnlichste. Ein Sari hat nichts in der Wüste zu tun, aber die traditionelle, langärmelige Kleidung, die die Nomaden zuvor getragen haben, ist eindeutig dem indischen Stil gewichen.

Mir fällt auf, dass aller Augen auf den Mittelpunkt des Gebäudes gerichtet sind. Ein einzelner Baum mit einem knorrigen alten Stamm und grünem Blätterkleid erhebt sich bis zur Decke und erinnert an die Mammutbäume in den amerikanischen Nationalparks. Wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen, halte ich darauf zu und bleibe an seinem Fuß stehen.

„Was ist das?“ Ich deute auf eine Art Tür, die sich im Stamm befindet.

„Dein Weg zurück in die Gasse, in der deine Reise anfing. Du kannst bei uns bleiben oder uns verlassen.“

„Einfach so?“

„Ja einfach so. Geh oder bleibe.“

Mit zwei Schritten ist er an mir vorbei und öffnet die Tür. Schemenhaft erkenne ich die dunkle Gasse mit dem Kopfsteinpflaster, in der dieser irre Trip anfing.

„Kann ich zu euch zurückkehren?“

„Nein! Und wenn du bleibst, bleibst du für immer.“

Entsetzen packt mich und ich reiße die Augen auf. An dieser Stelle wird eine Entscheidung von mir erwartet, die ich nicht zu fällen im Stande bin. Natürlich will ich wieder nach Hause, aber diese Menschen hier, diese Reise … ich will sie auch nicht im Stich lassen.

„Für immer ist ziemlich endgültig.“

Rainbow sieht mir tief in die Augen und nickt kaum merklich:

 

„Es ist die große Chance! Marie, deine große Chance!“

#kreativitätsmittwoch

Die Erkenntnis

Fortsetzung ...

  

Je näher ich der Öffnung komme, desto klarer werden die Details.

Das Kopfsteinpflaster ist regenfeucht und das Licht der Laterne flackert in der Dunkelheit.

Damit hatte alles angefangen. Wie jedes Mal, wenn ich auf dem Heimweg die Abkürzung durch die alte, verwinkelte Gasse am Hafen nahm, flackerte die einzige Straßenlaterne darin, als wäre sie ein Blinker. Am Ende bin ich hier bei Rainbow und den anderen gelandet. Jetzt schließt sich der Kreis.

Mein Leben ist auf der anderen Seite. Ich habe einen Job und wenngleich er mir wenig Freude bereitet, reicht es für ein gutes Leben in einer Zweizimmerwohnung.

Ich lebe allein, denn ein Mann für mich muss erst gebacken werden. Meine Eltern sind gestorben als ich ein kleines Mädchen war. Ich erinnere mich kaum an sie. Das Einzige, was mir von ihnen geblieben ist, ist ein Grab, neben dem seit ein paar Jahren auch meine Großeltern liegen. Bei ihnen habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht. Kurz nach meinem Auszug starb erst mein Opa an Krebs und wenige Monate später meine Oma, an gebrochenem Herzen.

Rainbow steht vor mir, hält die Tür auf und wartet ab, wie ich mich entscheide. Ich weiß, er wird mir nicht helfen, also spare ich mir den Atem.

Frag dich was dir wichtig ist.

Der Gedanke schwirrt einfach durch meinen Kopf. Hat ihn einer der Nomaden gedacht oder ist es mein eigener?

Auf der anderen Seite wartet niemand auf mich. Es gibt ein paar lose Freundschaften, die so lose sind, dass vermutlich nicht auffällt, dass ich verschwunden bin. Und meinen Job habe ich möglicherweise längst verloren, weil ich der Arbeit ferngeblieben bin.

Durch die Tür bläst ein kühler Wind und verteilt ein feines Netz aus Tröpfchen auf meiner Haut. Ich wende mich um und sehe mir all die Menschen an, mit denen ich gemeinsam diese Glaszuflucht gebaut habe. Ein kleines Mädchen steht wenige Meter von mir entfernt und hält die Hand seiner Mutter. Ihre großen braunen Augen schauen mich ehrfürchtig an.

Was bin ich für diese Menschen?

Sie brauchen Führung und erhoffen sich von mir, dass ich ihnen helfe ihren Weg zu finden. Aber ich bin keine Anführerin.

Ich lasse den Blick schweifen und entdecke in jedem einzelnen Gesicht das gleiche. Hoffnung.

Ein Knarzen, gefolgt von einem Klicken der sich schließenden Tür besiegelt das, was ich innerlich fühle. Rainbow tritt an meine Seite und grinst mich an.

 

„Die Erkenntnis! Marie, das ist die Erkenntnis.“

#kreativitätsmittwoch

Hilf mir

Fortsetzung ...

   

Urplötzlich fühle ich mich, als würde mir jemand die Luft abdrücken. Mein Herz rast, meine Hände sind schweißnass und mich überkommt die Angst, einen Fehler gemacht zu haben. Wie konnte ich mir nichts, dir nichts mein altes Leben hinter mir lassen, um auf eine Reise zu gehen, von der ich nicht weiß, wo sie endet? 

Alle schauen mich an, als wäre ich ihr neuer Messias. Was erwarten sie von mir? Ich war Marie Becker, eine junge Angestellte in einem Anwaltsbüro, ohne nennenswerte Ambitionen und vor allem ohne nutzbringende Fähigkeiten. Was kann ich schon, um diesen Menschen zu helfen? 

„Wie geht es jetzt weiter?“, frage ich an dem dicken Kloß in meiner Kehle vorbei. Rainbow hakt sich bei mir unter und wir schreiten durch die Menschen. Sie machen automatisch Platz, als würde uns eine unsichtbare Hülle umgeben. Ich komme mir vor wie ein Hollywoodstar, der umringt von einer Phalanx Bodyguards durch die Menge schreitet. Keiner wagt sich näher an uns heran. 

Am meisten erschreckt mich jedoch ihre Ehrfurcht. Was sehen sie in mir, dass sie mich so entsetzlich schüchtern mustern? 

„Sie brauchen Aufgaben. Du musst diese neue Welt gestalten und so zum Laufen bringen, dass alle versorgt werden können.“ 

Vor meinem geistigen Auge ziehen Getreidesäcke, Stoffballen und Wasserfässer vorbei. Meine alte Welt war hoch technisiert. Hatte ich Hunger, bin ich zum Kühlschrank und habe etwas herausgenommen. War er leer, habe ich im Supermarkt an der Straßenecke eingekauft. 

In dieser Welt gibt es nichts dergleichen. Wie soll ich sie zum Laufen bringen? 

Während wir uns der grünen Kugel nähern, fällt mir auf, dass sie aus mehreren Ebenen besteht und auf jeder Ebene eine Art Holzcontainer existiert. Zielstrebig hält Rainbow darauf zu, bleibt vor dem ersten Container stehen und zieht an einem Hebel, um eine Luke zu öffnen. 

Als der Hebel klemmt und sich die Luke nicht öffnen lässt, hält er inne, sieht mich kurz an und dann versuchen wir es gemeinsam. 

Mit einem Ruck öffnet sich die Tür und zum Vorschein kommen kistenweise Setzlinge. Rainbow nimmt eine der Kisten, reicht sie mir und nickt in Richtung der grün gewandeten Nomaden. 

 

 

„Hilf mir! Marie, hilf mir.“