#shortstorydienstag

Ein Projekt, aus dem bereits ein Buch entstanden ist 

Meine lieben Autorenkolleginnen Ira Laudin  und M. D. Zwist haben den #shortstorydienstag lange bevor ich auf Instagram unterwegs war ins Leben gerufen und nach anfänglicher Skepsis zu Kurzgeschichten habe ich in den zunächst wöchentlich wechselnden Themen eine gute Schreibübung für mich entdeckt. 
Aus der ersten Fortsetzungsgeschichte von Jen und & ist inzwischen ein komplettes Buch entstanden, das sich gerade in der Überarbeitung befindet. 

Die Anfänge der beiden gibt es hier zum Nachlesen.

#Shortstorydienstag

Baustelle

Völlig erschlagen öffne ich die Augen.
Gestern Abend saß ich mit Jack im Garten. Wir haben gegrillt, ein paar Gläsern Wein getrunken und uns in den tiefen unseres Gesprächs verfangen.
Wie so oft hat er mir angeboten, bei ihm zu schlafen und wie üblich habe ich abgelehnt. Eins würde zum anderen führen und wir würden unserer Freundschaft irreparablen Schaden zufügen.In den frühen Morgenstunden bin ich in mein eigenes Bett gekrochen, mit dem Ziel, an meinem ersten Urlaubstag seit zwei Jahren bis zum Nachmittag zu schlafen.
Allerdings hatte ich entschieden zu viel Wein, wie der Krach in meinem Kopf beweist.
Durch den halb geöffneten Rollo dringen die ersten Sonnenstrahlen. Der Blick auf mein Handy offenbart, neben einer Nachricht von Jack, dass ich keine drei Stunden geschlafen habe.
'Geht's dir gut?'
Nein, geht es nicht, denke ich missmutig. Es hämmert, röhrt und brummt in meinem Schädel. Irgendwie passt das ganz und gar nicht zu Rotweinkopfschmerzen.
'Nein!', schreibe ich wortkarg zurück und suche in meinem Nachttisch eine Schmerztablette.
Plötzlich hupt es und ich lasse die Tablette vor Schreck fallen. Das kam definitiv von draußen. Jack fragt, was los ist. Wenn ich das wüsste! Genervt schlage ich die Decke zurück und gehe zum Fenster. Der Blick nach draußen lässt innerlich aufstöhnen. Das darf nicht wahr sein. Nicht in meinem Urlaub!
Ich mache ein Bild und schicke es Jack.
'Das ist los!', kommentiere ich den Bagger, der in der Einfahrt meines Nachbarn steht. Er gräbt rund ums Haus einen schaufelbreit Erde in einen Lkw. Auf der Straße wird ein Kran aufgebaut und alles in allem sieht es nicht danach aus, als wäre das eine Tagesbaustelle.
Mein Handy vibriert. Jacks besitzt die Frechheit, mich mit einem dämlichen Emoji auszulachen. Bevor ich das Handy wütend in die Ecke pfeffern kann, vibriert es erneut.
'Ich habe dir gesagt, es wäre besser, du würdest bleiben!'
Zum ersten Mal bin ich geneigt, ihm zuzustimmen. 

#Shortstorydienstag

Bootsfahrt

Hätte ich Jack nicht darin bestärkt, während der Umbauarbeiten in der Bar einen Betriebsausflug zu machen, hätte ich die Stadt heute mit unbekanntem Ziel verlassen.
Wie hätte ich ahnen sollen, dass das gemeinsame Event auf dem Wasser stattfinden soll?
Ich arbeite seit zehn Jahren für ihn. Kaum zu glauben, dass er nicht irgendwann mitbekommen hat, dass ich seekrank werde. Zu allem Überfluss kommt das Wasser heute zusätzlich von oben.
Am Treffpunkt warten die anderen Mädels dicht zusammengedrängt unter einem Dachüberstand. Sie empfangen mich mit skeptischen Blicken und ich kann es ihnen nicht verdenken.
„Hey Jen, bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“
„Ja“, antworte ich finster. Die Boote, die vor mir im Hafen liegen, lassen meine Stimmung ins Bodenlose sinken. Barkassen, Fischkutter und Hochseeboote.
Wie ich Jack kenne, will er mit uns zum Hochseeangeln und ich verbringe den Rest des Tages über der Reling.
„Ach, hier seid ihr?“ Die Stimme jagt mir einen Schauer über den Rücken. Genervt beiße ich die Zähne zusammen und wende mich dem Unheil zu.
„Johnny!“, presse ich den Namen von Jacks bestem Freund zuckersüß aus meinen Stimmbändern heraus, „so ein Zufall! Was treibt dich bei diesem Wetter vor die Tür?“
„Dasselbe wie dich, immerhin ist es mein Boot, mit dem ihr euren Ausflug macht!“
Ich kann das aufsteigenden Stöhnen nur mit allergrößter Mühe unterdrücken.
Johnny ist Personenschützer. Er ist zwischen zwei Aufträgen in Hamburg gestrandet und sitzt seit ein paar Wochen jeden Abend an meinem Tresen.
Mal ehrlich, ein Personenschützer, ich kann froh sein, wenn sein Kahn kein Leck hat.
„Seid ihr vollzählig?“, erkundigt er sich. Schnell zähle ich durch und nicke. Gentlemanlike reicht er mir seinen Arm. Ich bin gewillt ihn abblitzen zu lassen, besinne mich in letzter Sekunde meiner guten Erziehung und hake bei ihm unter.
Wir laufen ein paar Minuten durch den Regen zu einem Steg, an dessen Ende eine riesige Jacht ankert. Mit jedem weiteren Schritt wird deutlicher, dass sie unser Ziel ist. Ungläubig bleibe ich vor der Gangway stehen.
„Den Reichen und Schönen ist ihr Leben einiges Wert“, flüstert Johnny mir lachend ins Ohr und bittet mich an Bord.

#Shortstorydienstag

Trödelmarkt

Ich mag Jen, wirklich! Sie ist eine tolle Freundin und mit Abstand meine beste Barkeeperin, aber manchmal könnte ich sie auf den Mond schießen. Nachdem sie Anfang Woche einen peinlichen Moment über der Reling von Johnnys Boot über sich ergehen lassen musste, habe ich eingewilligt, sie heute auf den Trödelmarkt zu begleiten. 

Sie hat ein Faible für diesen alten Plunder und grast am Wochenende gerne Trödelmärkte, Secondhandhops und Antiquitätenhändler ab. Das Sammelsurium in ihrer Wohnung passt super zusammen und vor allem passt es zu ihr. 

Die Verkäufer glauben, sie habe den Heiligen Gral auf ihren Tischen. Ich sehe haufenweise Ramsch! Altes, verdrecktes, muffiges Zeug, um das erstaunlicherweise erbitterte Preiskämpfe geführt werden. 

„Wir laufen seit drei Stunden hier herum, meinst du, du findest etwas oder wollen wir bei Luigi Mittagessen?“, frage ich bemüht freundlich. 

„Wie lange war ich auf dieser dämlichen Jacht gefangen?“, will sie schnippisch wissen und ich ziehe schuldbewusst den Kopf ein. 

Innerlich seufzend richte ich mich darauf ein, ein paar Stunden ausharren zu müssen und freue mich, wenn wir Montag Abend die Bar wieder öffnen können. Dann hat die viele Freizeit endlich ein Ende. 

Zum dritten Mal stehen wir an einem Stand mit alten, angelaufenen Messingwerkzeugen. Jen nimmt eines vom Tisch, schaut es an und legt es zurück. Sie spricht kurz mit dem Händler und nimmt das Nächste. Nach zehn Minuten bin ich völlig entnervt und will sie weiterziehen. 

„Das nehmen wir!“, sagt sie, „du zahlst! Er bekommt 100 €.“ 

„Bist du von allen guten Geistern verlassen?“ 

Sie grinst mich keck an. 

„Nein! Du wolltest für Johnnys Geburtstagsparty heute Abend ein einzigartiges Geschenk!“ 

„Genau! Einzigartig, keinen alten Plunder!“, entgegne ich konsterniert. 

„Vertrau mir, wenn du Johnny dieses wunderschöne Kästchen mit dem Sextanten schenkst und nicht unerwähnt lässt, dass ich ihn gefunden habe, vergisst er vielleicht, dass ich sein Boot vollgekotzt habe!“ 

#Shortstorydienstag

Zelten

Basti und ich waren den ganzen Tag durch die Heide gewandert. Die Septembersonne hatte vom Himmel gestrahlt und ich hatte mich an der lila Blütenpracht sattgesehen. 

Zeit mit Basti zu verbringen, ist für mich immer eine Zeit der Stille, denn mein kleiner Bruder ist taubstumm. Nicht dass er still wäre! Er redete den ganzen Tag wie ein Wasserfall, aber eben mit seinen Händen. 

Zunächst war es ein Schock für mich gewesen. Ich hatte nicht nur einen Bruder, von dessen Existenz ich 15 Jahre nichts wusste, ich war noch nicht einmal in der Lage, mit ihm zu sprechen. Seine Sprache zu lernen war wichtig, um mit ihm die vielen Fragen, die nach dem Tod unserer Eltern unbeantwortet waren, zu klären. 

,Jen, ich bin müde, können wir zurück?‘ gestikulierte er. 

Seit seiner frühsten Kindheit lebt in einem Wohnheim, aber mein Plan sah keineswegs vor, dass er an diesem Tag dahin zurückkehrte. 

‚Lass uns noch ein paar Minuten gehen, dann legen wir eine Pause ein‘, erwiderte ich und deutete auf ein Waldstück vor uns. 

Kurze Zeit später waren wir an dem Platz, den ich für meine Überraschung vorgesehen hatte. Vor uns erstreckte sich ein kleiner See. Basti war freudestrahlend ins Wasser gehüpft, während ich aus einem Versteck das Zelt und die Schlafsäcke geholt hatte, die Jack im Laufe des Tages dort deponiert hatte. 

Natürlich blieb das von Basti nicht lange unbemerkt. Er kam mit tellergroßen Augen angerannt und ist mir um den Hals gefallen. 

‚Wir zelten? Wirklich? Bleibe ich hier bei dir?‘ Vor Freude überschlugen sich seine Hände beim Gebärden und ich hatte Mühe ihn zu verstehen. 

„Ein 15-Jähriger, der noch nie Zelten war, das kann ja nicht angehen“, sagte ich, obwohl er mich nicht hören konnte. Ein bisschen Lippenlesen schaffte er und seine Reaktion zeigte, dass er mich verstanden hatte. 

Gemeinsam bauten wir das Zelt auf, suchten Holz für ein kleines Lagerfeuer und rösteten Marshmallows. Aufgeregt plauderte er die halbe Nacht, bis mir die Augen zugefallen waren. Meine Überraschung hatte voll ins Schwarze getroffen und ich nahm mir vor, bald wieder mit ihm zu zelten.

#Shortstorydienstag

Tanzen

„Ich stehe hinterm Tresen, ich tanze nicht!“, entschieden lehne ich die Aufforderung des Fremden ab. 

Es kommt häufig vor, dass ich um ein Tänzchen gebeten werde, aber ich tanze nicht, nie! Wir sind schließlich keine Disco. Jacks Bar ist ein edles Etablissement, in dem man aber durchaus ein Fleckchen zum Tanzen finden kann. 

„Komm schon, ein kleiner Tanz!“, bettelt er mich mit großen Kulleraugen an. 

Der Typ wird langsam lästig. 

„Ich tanze erst ab drei Promille!“ 

Bevor er zu einer erneuten Erwiderung ansetzen kann, hat Jack ihn im Genick gepackt. 

„Sie tanzt nicht! Und jetzt verschwinde!“ 

Fluchtartig trollt er sich. 

Ich bin selbst in der Lage, mir solche Typen vom Hals zu halten. Dennoch bin ich Jack dankbar. Mein Tag war scheiße und es hätte für den armen Tropf kein gutes Ende genommen. 

Jack kommt hinter den Tresen, holt den teuersten Scotchs aus dem Regal, füllt zwei Gläser und schiebt mir eins hin. 

„Ich bin im Dienst!“ 

Jacks Augenbraue wandert nach oben. Nach einem stummen Augengefecht exe ich das Glas und widme mich der nächsten Bestellung. 

„Willst du reden?“, bohrt er und ich hasse ihn dafür. Er kennt mich viel zu gut. 

„Nein!“ 

 

„Jack, mach das Licht an“, rufe ich aus dem Gastraum. Wir sind endlich dabei aufzuräumen. In der letzten Stunde haben wir die Flasche Scotch geleert und ich kann nicht mehr geradeaus laufen. 

Nervtötende Musik dudelt aus dem Lautsprecher. Ich will Jack gerade bitten, die Anlage auszuschalten, als er plötzlich hinter mir steht. 

„Du willst nicht tanzen, reden willst du auch nicht, aber du dürftest bei drei Promille angekommen sein!“ 

Er zieht mich in seinen Arm und beginnt mich zum Takt der Musik zu wiegen. Mit einem Mal platzt die ganze verrückte Geschichte aus mir her aus und ich rede wie ein Wasserfall. 

#Shortstorydienstag

Ehrenamt 

Ich liebe es am Ende meiner Schicht durch den Hinterausgang auf die Straße zu treten und die stickige Bar hinter mir zu lassen. In den frühen Morgenstunden ist, im Gegensatz zur Reeperbahn am Vordereingang, kaum jemand unterwegs. Hier wartet nur einer auf mich. Morgen für Morgen.

„Hey Jen!“, ruft Horst, setzt sich auf und macht mir Platz.

Wir kennen uns, seit ich in der Bar arbeite. Eines Morgens saß er eingemummelt in einen Schlafsack auf der Parkbank und hat mir zugerufen, dass es kein guter Ort für eine Frau sei, die allein unterwegs ist. Zu Tode erschrocken wollte ich ihn mit meinem Pfefferspray außer Gefecht setzten. Ich hab’s gelassen und wir sind Freunde geworden.

„Kommst du heute?“

„Klar, wie immer!“, antworte ich und setze mich zu ihm.

„Anton hat sich das Bein gebrochen, Elvira muss die Kinder hüten. Herbert ist irgendwo in der Welt unterwegs und von Gebbi haben wir ewig nix gehört. Wird eng!“

Er hat recht. Das ist verdammt wenig für Sonntag. Ich zücke mein Handy. Mit meiner Nachricht an unsere Arbeitsgruppe fordere ich jeden Gefallen ein, den ich offen habe und bitte sie mich um elf am alten Elbpark zu treffen. Danach verabschiede ich mich von Horst, um wenigstens ein paar Stunden zu schlafen.

 

Nachdem wir uns kennengelernt haben, hatte Horst mich zum Essen eingeladen. Es war mir unangenehm, denn es war offensichtlich, dass er seit Jahren auf der Straße lebt. Um ihn nicht vor den Kopf zu stoßen, bin ich mit ihm gegangen und in einer Suppenküche am Park gelandet. Seitdem gehe ich jeden Sonntag mit Horst zum Essen. Er isst und ich helfe beim Verteilen.

Jetzt stehe ich hier und warte auf meine Kollegen. Horst steht neben mir und schaut mich mitleidig an. Er kennt sie alle, und das macht es umso trauriger, dass keiner gekommen ist.

„Komm, lass uns reingehen!“, sage ich enttäuscht, „es gibt viel zu tun!“

Wir betreten den Vorraum und hängen unsere Jacken an die Garderobe.

„Schön, dass du auch endlich kommst!“, raunt mir plötzlich eine vertraute Stimme ins Ohr.

Ich drehe mich um und stehe Jack gegenüber. Überrascht blicke ich ihm über die Schulter und entdecke sie.

Sie sind da, jeder Einzelne meiner Kollegen! 

#Shortstorydienstag

Märchenstunde

Das wütende Geschrei aus Jacks Büro ist bis in den Keller zu hören. Worum es geht, verstehe ich nicht, aber es lenkt mich von meiner Arbeit mit den Warenbeständen ab. Wenn er nicht aufhört, kann er in ein paar Tagen ausschließlich Leitungswasser servieren lassen.

Es ist absolut untypisch für Jack so aus der Haut zu fahren. Genervt lasse ich meine Liste auf eine Kiste fallen und steige die Stufen hoch, um der Sache auf den Grund zu gehen.

„Hey Jen!“, begrüßt mich meine Kollegin, „Weißt du was da drin los ist?“ Sie deutet mit der Hand auf Jacks Tür.

„Nein“, erwidere ich achselzuckend, „aber ich werde es herauszufinden.“

Energisch gehe ich auf die Höhle des Löwen zu und reiße die Tür auf.

„Raus!“, brüllt Jack.

Auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch sitzt Ella, eine unserer Kellnerinnen, mit tränenverschmiertem Gesicht.

„Kann ich helfen?“, frage ich ungerührt. Ella blickt mich verzweifelt an und Jack bekommt fast einen Herzinfarkt. Fehlt nur, dass er anfängt zu japsen.

„Jen, hau ab! Häng dich nicht rein, sonst fliegt ihr beide raus“, brüllt er.

Mit einem Kopfnicken schicke ich Ella raus und schließe die Tür. Jack funkelt mich wild an und wüsste ich nicht, dass er lammfromm ist, bekäme ich es vermutlich mit der Angst zu tun.

„Verrätst du mir, warum du ausgerechnet Ella zu weinen bringst?“, frage ich biestig.

„Sie hat 500 € mitgehen lassen und jetzt tischt sie mir eine Geschichte von einer kranken Tante auf!“

„Echt jetzt? Jack, bitte! Wir haben lang und breit darüber gesprochen!“

Er sieht mich verwirrt an. Muss ich ihn wirklich daran erinnern, worum es geht?

Ella war vor einigen Tagen zu mir gekommen und hatte mir wegen ihrer Geldnöte ihr Herz ausgeschüttet. Der Grund, warum sie in der Klemme steckt, ist ziemlich peinlich und nichts, womit man bei seinem Chef um eine kleine Finanzspritze bittet. Ich hatte ihr versprochen mich darum zu kümmern.

„Du bist ein Idiot! Ich habe dir gesagt, dass sie sich aus der Kasse bedient! Du solltest es ignorieren. Für den Fall, dass sie etwas zu dir sagt, sollest du ihre Märchenstunde über dich ergehen lassen und es kommentarlos schlucken. Erinnerst du dich?“

Ich sehe ihm an, wie der Groschen fällt.

„Scheiße, ich bin ein Idiot!“

#Shortstorydienstag

Herbstlaune

Für gewöhnlich warte ich bis die Mittagspausenzeit vorbei ist, um meine
Runden um die Alster zu Joggen. Heute bin ich in der Rushhour gelandet.
Vielleicht liegt es aber auch an dem traumhaft schönen Herbstwetter, dass
ganz Hamburg auf den Beinen ist. Die Sonne lacht, umringt von ein paar
Schönwetterwolken, vom Himmel und die Blätter schimmern in allen Farben, die der Herbst zu bieten hat.
Ich umrunde zwei watschelnde Enten und laufe dabei versehentlich in einen
entgegenkommenden Jogger. Er will mich auffangen und packt mich an den
Schultern, aber wir fallen der Länge nach in einen großen Haufen Laub.
Erschrocken setzte ich mich auf.
„Entsch… Johnny?“ Verdammt! Warum muss ich ihm jetzt noch in meiner Freizeit
über den Weg laufen? Reicht es nicht, dass er jeden Abend in der Bar sitzt!
„Jen, so stürmisch kenne ich dich gar nicht. Geht’s dir gut?“
Einsilbig versichere ich ihm, dass mir nichts fehlt.
„Ich wusste nicht das du joggst!“
„Hin und wieder!“, antworte ich schmallippig. So dreimal die Woche, denke
ich im Stillen.
„Wirklich alles ok?“ Er erhebt sich und reicht mir die Hand, um mich auf die
Beine zu ziehen. Bei der Belastung meines Knöchels spüre ich einen Stich im
Sprunggelenk, gebe einen kurzen Schmerzlaut von mir und falle direkt an
seine breite Brust.
Johnny fasst mich unter den Knien und setzt mich zurück auf den Boden.
Vorsichtig bewegt er meinen Knöchel.
„Lass das!“, fauche ich
„Sieht nach einer Stauchung aus!“, murmelt er und drückt ungerührt weiter
auf meinem Fuß herum. Er trifft die Stelle, die besonders schmerzt und aus
einem Impuls heraus werfe ich eine Handvoll Laub nach ihm.
„Hey, das war nicht nett!“, brummt er und wirft seinerseits ein Bündel Laub
und Sekunden später balgen wir wie kleine Kinder zwischen den bunten
Blättern.
Nach einer Weile bleibe ich nach Atem ringend liegen. Johnny beugt sich über
mich und sieht mir tief in die Augen. Langsam senkt er seinen Kopf, bis mich
seine weichen Lippen berühren. Ich lasse mich von ihm erobern und fühle mich
wie das tanzende Laub in einer stürmischen Herbstbrise. 

#Shortstorydienstag

Tapetenwechsel

 

Seit Jen sich vor ein paar Wochen den Knöchel beim Joggen verstaucht hatte, ist sie irgendwie schräg drauf. Ich habe das Gefühl, ein Minenfeld zu betreten, wenn ich sie nur nach den Warenbeständen frage.

Um ihre Laune anzuheben, habe mir Johnny und unseren Freund Marc geschnappt, bin mit ihnen zum Baumarkt gefahren und habe Farbe gekauft.

In den letzten Monaten hat Jen häufig davon gesprochen, dass ihr Wohnzimmer einen neuen Anstrich braucht und ich hoffe, sie mit der Aktion in bessere Stimmung zu versetzten.

„Jack, ich bin sicher, dass Jen es nicht in Ordnung findet“, sagt Johnny, kurz bevor wir ihre Wohnung im Karolinenviertel erreichen.

Er hat Bedenken gegen meinen Vorschlag, seit ich ihn vor ein paar Tagen gemacht habe.

Ich bezweifle, dass er Jen in den letzten Wochen näher kennengelernt hat, um es beurteilen zu können. Sie braucht lange, bis sie sich Fremden gegenüber öffnet, aber Marc kennt sie seit Jahren und Johnny lungert seit zwei Monaten bei uns herum. Ich wüsste nicht, wieso sie ein Problem damit haben sollte.

„Wir laden aus, du parkst den Wagen und kommst nach“, sage ich zu Johnny und steige mit Marc aus dem Auto.

Beladen mit den Farbeimern und dem ganzen Zubehör arbeiten wir uns in den dritten Stock hoch und werden von einer sehr überraschten Jen in Empfang genommen.

„Ihr wollt was?“, fragt sie überrumpelt, nachdem ich ihr erklärt habe, was wir vorhaben.

„Wir wollen dein Wohnzimmer streichen!“

Sie strahlt übers ganze Gesicht und ich klopfe mir innerlich auf die Schulter für meine geniale Idee.

Nachdem wir im Wohnzimmer die Möbel zusammengestellt haben und Jen eine Runde Kaffee verteilt hat, klingelt es an der Tür.

„Ich geh“, biete ich mich an, schließlich weiß ich, wer es ist.

Gefolgt von Johnny komme ich kurze Zeit später ins Wohnzimmer zurück. Die Temperatur im Raum fällt schlagartig und das motivierte Lächeln in Jens Gesicht verabschiedet sich. Wie von der Tarantel gestochen rauscht sie aus dem Zimmer. Kurze Zeit später fällt die Tür ins Schloss.

„Ich habe dir gesagt, dass es keine gute Idee ist“, murmelt Johnny und beginnt Malerfolie an die Fußleisten zu kleben.

Versteh einer diese Frau! 

#Shortstorydienstag

Wanderlust

 Jack lebt seit vielen Jahren in Hamburg, weit weg von seinen Eltern. Kommen sie zu Besuch, artet es immer in Stress aus.
Er fürchtet, sein Lebenswandel im Allgemeinen und die Bar auf dem Kiez sind nicht das, was sie sich für ihn vorstellen. Seit ich ihn kenne, unterstütze ich ihn, indem ich den Reiseführer mime. Langsam gehen mir die Ideen aus, aber eine Tour ist mir noch eingefallen.
Den ursprünglichen Wandertrip mussten Hiltrud und Werner absagen und haben ihre Reise an die Elbe umgebucht.
Rund um die Stadt gibt es kaum Berge, aber auf dem Heidschnuckenweg gibt es eine tolle Tour durch die Harburger Berge, auf der man sich durchaus verausgaben kann.
Seit Stunden wandern wir dem angestrebten Ziel, dem Hasselbrack, entgegen.
„Arbeitest du noch in dieser Bar auf der Reeperbahn?“, fragt Werner plötzlich.
„Ja“, antworte ich schmallippig.
Bei einem ihrer letzten Besuche ist es mir rausgerutscht. Jacks Blick hätte mich beinahe tot umfallen lassen.
„Meinst du wir könnten da einen Absacker nehmen? Nach der anstrengenden Tour brauche ich ein Bier. Und auf den Kiez wollte ich schon immer mal.“
Mir läuft es eiskalt über den Rücken. Jack geht mit seiner Mutter ein Stück hinter uns und ahnt nichts von dem Verderben, das auf ihn zukommt. Fieberhaft suche ich nach einem Ausweg.
„Sieh mal“, ich deute auf ein paar Bäume, „ein Reh!“
Es ist eine schwache Ablenkung, aber es verschafft mir Zeit. Während Werner das imaginäre Reh sucht, schließen Jack und seine Mutter auf.
„Sagt mal, wann wollt ihr endlich zusammenziehen und für Nachwuchs sorgen?“
Bei der Frage seiner Mutter bekommt Jack eine ungesunde Hautfarbe und sieht mich hilfesuchend an. Ich gebe derweil vor, die Frage überhört zu haben und suche meinerseits nach dem nicht vorhandenen Reh. Jacks Ellbogen landet in meinen Rippen.
Meine rasenden Gedanken schießen die erstbeste Antwort heraus.
„Werner hat vorgeschlagen ins „PetitMort“ zu gehen. Wir holen euch um acht im Hotel ab!“
Jack wird eine Nuance blasser und rammt mir zum zweiten Mal seinen Ellbogen in die Rippen.
„Glaub mir, das ist der kleinere Tod, den du sterben musst!“, flüstere ich ihm ins Ohr. „Wag es nicht mich noch einmal um Hilfe zu bitten!“ 

#Shortstorydienstag

Bücherei

 

„Habt ihr von dem Brand gehört?“, fragt Elli niemand Speziellen.

Prompt bricht im Pausenraum aufgeregtes Geschnatter aus. Das Feuer zwei Straßenzüge weiter hatte zum Glück keine Verletzten zur Folge, allerdings wurde die größte Bücherei auf St. Pauli dem Erdboden gleichgemacht und sorgt im ganzen Viertel für Gesprächsstoff.

Ich bin nicht gerade als Leseratte bekannt, aber hin und wieder habe ich mich in den in die Jahre gekommenen Bau verirrt. Für gewöhnlich habe ich meine Nachbarin begleitet, die es allein nicht mehr schafft, die Bücher den weiten Weg ins Karolinenviertel zu Fuß zu schleppen.

Jedermann ist traurig und erschüttert, denn die Bücherei ist für viele nicht nur ein Ort, wo sie sich kostenlos Bücher leihen können. Für viele ist es die einzige Möglichkeit mit anderen in Kontakt zu treten.

Wer auf oder rund um den Kiez lebt oder arbeitet ist grundsätzlich zurückhaltend, wenn es darum geht neue Freundschaften zu knüpfen. In der Bücherei findet man ein Thema, denn ein gutes Buch macht es den Menschen einfacher ins Gespräch zu kommen.

Über das inzwischen gedämpfte Gemurmel im Pausenraum, höre ich die polternden Schritte, die charakteristisch für Jack sind. Ich habe damit gerechnet, dass er auftaucht. Er hat sich bemerkenswert lange Zeit gelassen.

Die Tür fliegt auf und er nimmt mich ins Visier.

„Kann mir jemand von euch erklären, warum neben der Eingangstür zu meiner Bar eine alte englische Telefonzelle aufgebaut wurde, die mit unzähligen alten Büchern bestückt ist?“

Seine Gesichtsfarbe konkurriert ein wenig mit der Farbe der Telefonzelle und keiner wagt auch nur zu atmen. In der gespenstigen Stille könnte man eine Stecknadel fallen hören. Ich will mich gerade seinem Ärger entgegenstellen, da räuspert sich Elli.

„Wie du Jen anschaust, weißt du genau, wer dafür verantwortlich ist.“ 

#Shortstorydienstag

Gruselparty

 

 

Wir haben nicht einmal mit der Deko angefangen. Jack lässt sich in diesem Punkt nicht gerne reinreden, aber wenn wir nicht langsam in die Gänge kommen, fällt Halloween ins Wasser.

„Johnny, weißt du, wo er steckt?“, frage ich.

„Nein, verdammt Jen, wie oft denn noch? Er geht nicht an sein blödes Handy.“

Ich beschließe, dass wir mit dem Dekorieren anfangen. Die Mitarbeiter stehen sich seit zwei Stunden die Beine in den Bauch. Jetzt ist Action angesagt.

Nach fünf Stunden ist die Bar in ein Gruselkabinett verwandelt. An den Wänden hängen Totenköpfe, abgetrennte Gliedmaßen, Fledermäuse, Vogelspinnen und Skelette. Die Decke ist mit dunklen Stoffbahnen verkleidet. Sensen, Äxte, Hexenbesen und Spinnweben schweben herab. Die Tische und auf dem Tresen haben wir Kunstblut verteilt und überall kleine Gespenster drapiert. Die Nebelmaschine läuft seit ein paar Minuten und verwandelt zusammen mit den flackernden Öllampen die Bar in eine schaurig düstere Höhle.

Jack ist nicht aufgetaucht und ich mache mir Sorgen, aber es hilft alles nichts. Er verlässt sich auf mich. Johnny ist zum Eingang um aufschließen und die Feierwütigen für das Event des Jahres einzulassen. Meine Kolleginnen und ich warten ungeduldig in unseren Gruselkostümen.

 

Die Party ist auf ihrem Höhepunkt angelangt. Wir sind bis zum letzten Platz voll und die Türsteher lassen niemanden mehr herein. Da endlich entdecke ich Jack. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Gleichzeitig bin ich stinksauer, weil er uns für ein Kostüm die Arbeit hat alleine machen lassen.

Sein Kopf ist mit einem dicken Verband umwickelt. Über der Augenbraue hat er eine gefakte Stichwunde, seine Wange hat einige Kratzer und die Lippe ist aufgeplatzt. Sein Hemd hat Risse und Löcher und er humpelt mit einer Gipsattrappe an Krücken.

„Was für ein hammergeiles Kostüm“, nimmt Johnny mir die Worte aus dem Mund.

Jack wirft ihm einen tödlichen Blick zu. „Das ist kein Kostüm, ich hatte einen Unfall!“ 

#Shortstorydienstag

Laternenlaune

 

Mein taubstummer Bruder ist fast erwachen, aber er liebt Laternenumzüge. In diesem Jahr fällt der Martinsumzug im Karolinenviertel auf einen Samstag und Basti hat sich in den Kopf gesetzt, dass wir gemeinsam hingehen.
Wenn ich an all die singenden kleinen Kinder denke, stellen sich mir die Nackenhaare zu Berge. Mein Bruder hat ja keine Ahnung, was das für ein schräges Gequäke ist.
Meine Hoffnung, Jack würde mir den Abend nicht freigeben, weil an einem Samstag die Hütte brennt, hat sich zerschlagen. Der Umzug ist bereits um 19 h. Jack hat mich angelächelt und gesagt: „Wenn du nicht zu viel Glühwein trinkst, kannst du danach deine Schicht machen.“
Manchmal ist er ein Idiot. Er wusste genau, dass ich nicht zu diesem Umzug will.
Vor einer Stunde ist Basti aus seinem Wohnheim gekommen, vollgepackt mit Bastelmaterial. Wild gestikulierend habe ich ihn gefragt, ob er noch alle Tassen im Schrank hat. Er hat es vorgezogen mich zu ignorieren und an meinen Küchentisch angefangen, Papierbögen zuzuschneiden, zu falten und mit Transparentpapier zu bekleben.
Ich habe Kaffee gekocht und ihn grimmig angeschaut. Immer wieder hat er mich aufgefordert mitzumachen, bis ich mich schließlich habe breitschlagen lassen.
Am Ende sehen unsere Laternen wirklich hübsch aus und ich nehme mir vor, sie an einem Plätzchen in meinem Wohnzimmer zu platzieren. Insgesamt sind es drei, denn während Basti mit seiner fast fertig war, habe ich erst angefangen und er weitergebastelt.

Am Abend ziehen wir mit den drei Laternen los. So gerne ich meinem Bruder diese Freude mache, bin ich doch froh, wenn der Spuk vorbei ist. An der Kirche stehen Hunderte Menschen, vor allem viele Kinder. Unauffällig halte ich Ausschau nach dem Glühweinstand. Jack hätte es durchaus verdient, dass ich mich sinnlos betrinke und im Anschluss nicht mehr ins PetitMort gehe. Gerade als ich den Stand entdecke, zupft Basti mich am Arm und deutet auf eine Gestalt, auf uns zu gehumpelt kommt.

„Guten Abend, ihr beiden. Wie ich sehe, habt ihr etwas für mich vorbereitet“, sagt Jack breitgrinsend und nimmt die dritte Laterne in dem Moment von Basti entgegen, als die Kids ‚Sankt Martin‘ anstimmen.

#Shortstorydienstag

Antiquitätenladen 

„Weißt du, in fünf Wochen ist Weihnachten?“, fragen Jack und Johnny unisono entsetzt.

„Ehm, ja, warum?“

Die beiden blicken mich an, als käme ich vom Mars.

„Wo ist euer Problem? Amazon wirds richten.“

Ihre Diskussion über Geschenke nervt mich. Ich brauche nur drei. Eins für die beiden und meinen Bruder.

„Ach ja? Was schenktest du deinen Eltern?“, erkundigt sich Johnny spitz. Jacks verdreht die Augen und macht eine unwirsche Bewegung.

„Du meinst die, die mich mit fünf Jahren mir selbst überlassen haben?“

Peinlich berührt fixiert er den Tresen. Jack legt seinen Arm um mich. Er kennt meine Geschichte und weiß, dass ich jedes Jahr zu Weihnachten daran knabbere.

Die Uhr auf meinem Handgelenk zeigt, dass es reichlich früh ist, bevor im PetitMort wirklich was los ist.

„Kommt mit ihr beiden, ich habe eine Idee.“

Lustig, wie die beiden unter meinem Scheffel stehen. Widerspruchlos holen sie ihre Jacken und folgen mir. Wir laufen ein paar Straßenzüge weiter und kommen zu einem Antiquitätengeschäft. Ich liebe den Laden und stöbere oft durch die verstaubten Regale. Nichts liegt in meinem Budget, aber Jack und Johnny haben genug Geld, um ein passendes Weihnachtsgeschenk zu finden.

Ich überlasse sie ihrer Suche und gehe in den Gang mit den Spieluhren. Es gibt eine zauberhafte Ballerina, die zu den klängen von Beethovens ‚Für Elise‘ tanzt. Ich ziehe sie auf und locke damit meine beiden Begleiter an.

„Die ist aber schön“, murmelt Johnny, “meine Mutter wird entzück sein.“ Er reißt mir die Spieluhr aus der Hand und geht zu dem älteren Besitzer des Ladens. Er sitzt hinter seinem Tresen und lächelt mir freundlich zu. Mit seiner Nickelbrille und der Halbglatze sieht er aus wie ein alternder Oberstudienrat.

„Tut mir leid, sie ist unverkäuflich.“

Irritiert sehe ich ihn an. Seit wann? Er hat mir gesagt, dass sie seit Langem auf einen neuen Besitzer wartet.

„Sind Sie sicher?“, frage ich. Johnny würde vermutlich den doppelten Preis bezahlen.

„Ja, tut mir leid. Sie wartet auf ihre Abholung. Die Dame muss nur genügend Geld zusammenbekommen, dann gehört sie ihr.“

Mit einem Zwinkern reicht er mir die Spieluhr und ich bin gerührt. Meint er wirklich mich damit? 

#Shortstorydienstag

Kinderspiel 

„Jen!“, ruft Jack und kommt wie ein aufgescheuchtes Huhn hinter meinen Tresen gerannt. „Ich brauche deine Hilfe!“
„Mein Herr und Gebieter, wie kann ich Ihnen zu Diensten sein?“, erkundige ich mich mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Der Abend ist noch früh und meine Laune ausgezeichnet.
„Lass den Scheiß. Kannst du dich an den Besuch meiner Eltern letztens erinnern?“
Wie könnte ich das vergessen? Nach einer ausgedehnten Wanderung wollte Jacks Vater in der Bar, in der ich kellnere, ein Bierchen trinken. Dass Jack mein Boss und es seine Bar ist, wollte dieser möglichst für sich behalten. Wir haben es nicht einmal durch den Eingang geschafft, ohne aufzufliegen. Einer der Türsteher hat den „Boss“ begrüßt und, na ja sagen wir mal so, ich hatte einen sehr lustigen Abend.
Nachdem die Katze aus dem Sack war, wollten seine Eltern eine ganz spezielle Erkundungstour auf der Reeperbahn machen und ich habe mich diebisch gefreut, Jack dabei zu begleiten, ihnen die geheimsten Ecken auf unserer Partymeile zu zeigen. Sein Vater fand das hier bei uns alles sehr spannend, seine Mutter war anfangs weniger amüsiert. Nachdem sie gesehen hat, dass im PetitMort keine barbusigen Mädchen servieren und wir keine Zimmer vermieten, konnte sie sich damit abfinden, dass ihr Sohn ein Etablissement auf dem Kiez führt.
„Nein, waren sie hier?“, stelle ich mich dumm.
„Du bist unmöglich. Meine Schwester hat sich in den Kopf gesetzt mich zu besuchen. Mit der ganzen Familie.“
„Meine Güte jetzt stell dich nicht so an. Du betreibst eine Bar, in einer weltweit bekannten Straße. Nimm mal den Stock aus deinem Allerwertesten und leg deine Erziehung ab. Du bist doch sonst nicht so verklemmt.“ Natürlich kann ich mir das Augenrollen nicht verkneifen.
„Nun, weißt du, meine Mutter hat ihrem Enkel erzählt, dass neben Onkel Jacks Bar ein Spielzeugladen ist. Meine Schwester findet das super, denn sie möchte den Kleinen schon mal nach Weihnachtsgeschenken suchen lassen.“
Langsam verstehe ich, warum er so blass um die Nase ist.
„Oh, wie alt ist dein Neffe noch mal?“
Sein grimmiges Gesicht spricht Bände. Wortlos hebt er seine rechte Hand und zeigt mir vier Finger.

#Shortstorydienstag

Adventskranz 

Die Hintertür der Bar geht auf. Johnny stapft herein und bringt einen Schwall Kälte mit. In der Hand hält er eine braune Papiertüte und grinst schelmisch.
„Hey Jen, alles im grünen Bereich?“
Wenn du kommst, ist nichts im grünen Bereich, schießt es mir durch den Kopf.
„Samstag Abend, ich erwarte das übliche Chaos“, gebe ich stattdessen nichtssagend zurück. „Was hast du da?“, frage ich neugierig auf die Tüte deutend.
„Nichts Wichtiges. Ist Jack da?“
Ich nicke, zeige aufs Büro und ärgere mich, dass er ein Geheimnis aus dem Mitbringsel macht.
Ich gehe an die Bar und vergesse für die nächsten Stunden, dass es etwas gibt, dem ich gerne hinterherschnüffeln würde. Wie jeden Samstag ist die Hölle los und am Ende meiner Schicht zieht es mich in die Horizontale.
Johnny hilft mir beim Anziehen meiner Jacke.
„Ich begleite dich nach Hause“, verkündet er.
„Nicht nötig!“
„Doch“, brummt Jack und ich weiß, dass jedes Widerwort vergebens ist.
Vor ein paar Tagen gab es einen Überfall in einer der Seitenstraßen. Jack schickt bis zur Aufklärung der Sache jede seiner Kellnerinnen mit Eskorte nach Hause. Ich bilde leider keine Ausnahme.
Notgedrungen füge ich mich. Obwohl mir jeder andere lieber gewesen wäre, trotte mit Johnny nach Hause. In seiner Hand trägt er die vermaledeite Tüte und ich linse immer wieder unauffällig hin.
Vor meiner Haustür will ich ihn stehen lassen, um schnellstens ins Bett zu kommen.
„Wenn ich einen Kaffee bekomme, darfst du einen Blick hineinwerfen. Dich interessiert doch brennend, was ich mit mir herumschleppe.“
Er in meiner Wohnung? Nach unserem Kuss vor ein paar Wochen halte ich das für keine gute Idee, aber meine Neugier lässt mich schwach werden.
Zehn Minuten später fülle ich Kaffee in zwei Tassen und gehe mit einem nervösen Gefühl in der Magengegend ins Esszimmer.
Was ich sehe, macht mich sprachlos und ich muss aufpassen, vor lauter Schreck nicht den Kaffee zu verschütten.
Der Raum ist bis auf eine flackernde Flamme stockdunkel. Auf meinem Tisch steht ein wunderschöner Adventskranz mit weinroten Kerzen und verströmt ein heimeliges Flair.
„Schönen ersten Advent!“, flüstert Johnny und nimmt mir eine Tasse Kaffee ab.

#Shortstorydienstag

Nikolaus  

In dieser Nacht ist es sehr ruhig. Selbst für einen Montag ist auffällig wenig los.

Viele werden mit ihren Lieben zu Hause Nikolausgeschenke ausgetauscht, aber selbst die Einsamen und die, die sich nichts aus dem Firlefanz mit dem Mann mit Rauschebart machen, scheinen heute keine Lust auf einen Drink zu haben.

Der Zeiger der Uhr scheint langsamer zu wandern als sonst. Es fällt mir schwer, die Augen offen zu halten.

Plötzlich lässt mich ein Schwall kalte Luft frösteln. Ich blicke auf und falle fast vom Glauben ab.

„Ho ho ho … Von drauß‘ vom Walde komm ich her, …“

Auf den Stufen kommt beleibter Weihnachtsmann herunter. Er trägt einen edlen bordeauxroten, mit goldenen Borten verzierten Mantel und passender Mütze. Sein Vollbart wirkt verdammt echt. Es juckt mir in den Fingern daran zu ziehen, um ihn zu enttarnen.

In der linken Hand hält er einen großen Jutesack über seiner Schulter fest, in der andere hat er ein dickes Buch mit goldenen Lettern.

Mit leuchtenden Augen scharen sich meine Kolleginnen um ihn. Die Kollegen stehen abseits und beobachten das Schauspiel skeptisch, genau wie ich.

Ich hätte nicht gedacht, dass Jack sich herablässt und sich im Kostüm zum Affen macht. In den letzten Jahren lag vor jedem Spind einen Schokonikolaus mit einem Gutschein.

Diesmal zieht er für jeden ein Geschenk aus seinem Sack. Er geht in seiner Rolle auf und lässt sich sogar Gedichte vortragen. Unsere wenigen Gäste haben sichtlich ihren Spaß.

Am Ende kommt er an den Tresen.

„Und du liebes Kind? Warst du auch brav?“

„Jack, lass den Mist. Du weißt, ich steh nicht drauf.“

Die anderen scharen sich um ihn und schauen mich auffordernd an. Fast bin ich so weit, mich geschlagen zu geben, als es am Eingang rumpelt. Wegen der Menschentraube vor mir kann ich nichts sehen, Ich höre nur die schweren Schritte, die sich nähren,

„Was ist denn hier los?“, brüllt Jack. „Habt ihr nichts zu tun?“

Auf meinem Tresen landet ein kleines Päckchen und der Mann mit dem Mantel huscht durch die Hinterräume davon.

Jack kommt an der Seite von Johnny an meinen Tresen. Verwirrt schaue ich die beiden an.

Wenn es keiner von den beiden war, wer war es dann?

Johnny deutet auf das Päckchen.

„Was ist das?“ 

#Shortstorydienstag

Weihnachtsmarkt  

 

Mein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt ist äußerst ungewöhnlich, aber ich habe mich gegen meinen Boss und seinen Kumpel durchgesetzt. Ein mulmiges Gefühl habe ich inmitten der mit dem Weihnachtsfieber infizierten Menschen dennoch.

Der Reihe nach.

Am Nikolausabend hat mir dieser kostümierte Typ ein silbernes Kästchen mit einer Schleife auf den Tresen geworfen und ist durch den Hinterausgang getürmt.

Meine Kollegen haben keine Ahnung, wer der Nikolaus war. Die anderen hatten Schokolade in den Päckchen, meines enthielt eine Einladung.

Jetzt stehe ich bei Finleys, trinke heißen Glühwein und höre mir zum x-ten Mal Last Christmas von Wham! an.

Keine Ahnung, ob es richtig war, allein herzukommen. Jack und Johnny waren ganz und gar nicht begeistert. Schlimmstenfalls gerate ich an einen Serienvergewaltiger und lande aufgeschlitzt im Straßengraben. Aber hey, ich will wissen, wer der Kerl ist.

Langsam könnte er kommen. Es ist bereits nach acht und ausgesprochen kalt. Ich schlürfe an meinem Glühwein und beobachte nervös das Gewusel um mich herum.

„Wartest du auf jemanden?“, erschrickt mich eine dunkle Stimme hinter mir. Ich drehe mich um und stehe dem Nikolaus in roten Mantel und Rauschebart gegenüber.

Perplex starre ich ihn an. Er hakt mich unter und schlendert mit mir über den mit Buden gesäumten Markt. Unsicher und verlegen weiß ich nicht, was ich sagen soll. Dass wir sämtliche Blicke auf uns ziehen, macht es nicht besser.

„Wer bist du?“, frage ich das Naheliegendste.

„Der Nikolaus!“, sagt er im Brustton der Überzeugung.

Natürlich musste ich an einen Irren geraten.

Vor einem Stand mit Ausstechförmchen bleiben wir stehen. Die Verkäuferin grinst mich verzückt an: „Ihr wisst, wo ihr steht?“, fragt sie und deutet über uns.

Ein Mistelzweig. Ich verdrehe die Augen.

Im selben Moment spüre meine Begleitung näher herantreten. Unsere Lippen treffen aufeinander. Er begehrt Einlass und ich öffne ihm willig meinen Mund. Minutenlang versinken wir in einem zärtlichen Kuss.

Plötzlich entfernt er sich, zwinkert mir zu und huscht zwischen den Buden davon.

Dieses Date hat keine zehn Minuten gedauert und wirft eine neue Frage auf:

Wer kann so wundervoll küssen? 

#Shortstorydienstag

Wunschzettel  

„Jack, du weißt, ich liebe dich, aber jetzt treibst du es zu weit.“ Ihre Liebesbekundung ist nicht neu und doch wurmt sie mich. Bei unserer Beziehung ist jeder Gedanke über eine Freundschaft hinaus ein törichtes Ansinnen.
Meine Idee mit dem Wunschzettel findet sie kitschig, aber wie soll ich sonst herausbekommen, welchen Wunsch sie insgeheim hegt.
Das Fest am Ende des Jahres ist ein rotes Tuch für Jen. Wie jedes Jahr übernimmt sie die Schichten in der Bar und meine Versuche, sie zum Essen einzuladen, sind fehlgeschlagen.
Seit sie vergangene Woche auf dem Weihnachtsmarkt von dem Fremden im Nikolauskostüm geküsst wurde, ist sie noch mieser auf den ganzen Firlefanz zu sprechen.
„Dein Wunschzettel ist der letzte, der mir noch fehlt. Bitte, mach es mir zuliebe“, bettle ich und handle mir ein resigniertes Seufzen ein.
Ich rechne mit ihrer alten Leier nach Ruhe und Frieden, aber in ihrer Miene zeichnet sich eine Spur Verzweiflung ab. „Was ich mir wünsche, bringt nicht der Weihnachtsmann. Lass gut sein.“
Zu gerne würde ich sie in den Arm nehmen, aber damit würde ich eine Grenze übertreten.
„Nun komm schon, verrate es mir, vielleicht kann ich meine Beziehungen spielen lassen.“
Sie lacht freudlos.
„Ich wurde in diesem Jahr zweimal geküsst. Einmal von deinem dämlichen Freund Johnny, auf den ich sehr gut verzichten kann.“ Davon wusste ich nichts und Zorn wallt in mir auf. „Und einmal von dem Fremden auf dem Weihnachtsmarkt. Ich wüsste zu gerne wer es war.“
Ihre Augen schauen mich traurig an und ihr Gesicht wird schmal. Sie beißt von innen auf die Wangen. Das ist eine Eigenart, mit der sie versucht, sich von emotional Schmerzhaftem abzulenken.
Hätte sie geahnt, dass ich ihr sehr wohl verraten könnte, wer der Fremde war, hätte sie es mir nie anvertraut. Jetzt stecke ich in einer Zwickmühle. Ich könnte natürlich auch ...
„Ach Jen“, sage ich und trete einen Schritt auf sie zu. „Vielleicht denkst du noch mal über deinen Wunsch nach. Du weißt ja, aller guten Dinge sind drei …“
Sanft umfasse ich ihre Schulter, nähere mich ihr und gebe ihr einen zärtlichen Kuss, von dem ich hoffe, dass er ihre Welt zum Beben bringt. 

#Shortstorydienstag

Tannenschreck  

 

Ihr müsst jetzt echt tapfer sein!

 

Fast eine Woche habe ich mich in meiner Wohnung verkrochen und hin und her überlegt, wie ich mit meinem himmlisch küssenden Boss umgehen soll. Um ihm aus dem Weg zu gehen, habe ich mich krankschreiben lassen.

Verdammt, wieso hat er das getan? Was an diesem Abend passiert ist, hätte niemals geschehen dürfen.

Ob es mir nicht gefallen hat? Natürlich hat es das! Aber es geht nicht. Nicht mit Jack!

Mit einem mulmigen Gefühl betrete ich an diesem Heiligenabend die Bar durch den Hintereingang. Für die Feiertage habe ich meinen Dienst zugesagt, allerdings nur, weil ich weiß, dass Jack bei seinen Eltern ist.

Es ist still, aber durch die Seitentür sehe ich, dass die schummrige Abendbeleuchtung bereits an ist.

Nachdem ich meine Sachen im Spind verstaut habe, schlurfe ich zu meinem Tresen und bleibe bei dem Anblick, den ich vorfinde, wie vom Donner gerührt stehen.

Der gesamte Raum ist weihnachtlich dekoriert. Eine große, festlich behangene Nordmanntanne lenkt die Aufmerksamkeit auf sich und aus den Lautsprechern dudelt plötzlich leise Weihnachtsmusik.

Was mich wirklich erschüttert, ist der romantisch gedeckte Tisch, der neben der monströsen Tanne steht.

Jack erhebt sich gerade von einem der Plätze und kommt langsam auf mich zu.

„Guten Abend, Jen“, sagt er rau und küsst mich auf die Wange.

Bei seiner Berührung werde ich stocksteif.

„Frohe Weihnachten!“ Jack will mich an den Tisch führen, aber ich bleibe wie festgefroren stehen.

„Jen?“ In seiner Stimme liegt eine Spur Angst.

Zurecht.

„Jack, das war nicht Teil unserer Abmachung. Es geht nicht.“ Meine Hand wandert an die Hosentasche meiner Jeans. Vorsichtig ziehe ich den Umschlag hervor, atme tief durch und reiche ihn Jack.

„Was ist das?“

Tränen rinnen mir die Wange hinab und ich muss schwer schlucken: „Meine Kündigung!“

#Shortstorydienstag

 vorläufiges ENDE

Jen und Jack werden im Jahr 2022 ein ganzes Buch mit ihrer Geschichte füllen. Einstweilen müssen sie bei den Shortstorys leider abtauchen. Aber seid gewiss, ich schreibe euch einen ganzen Roman über die beiden.