#gambiotauschstory

Ein neues Projekt, mit lieben Kollegen

Wie einige vielleicht mitbekommen haben, schreibe ich im Rahmen des Buchprojekts "Gambio - Der perfekte Tausch" einen Roman. 
Das Projekt vereint eine Vielzahl an Autor:innen unterschiedlicher Genres, die alle unter dem Motto des Projektes einen eigenen Roman veröffentlichen. 
Um gemeinsam ein wenig Aufmerksamkeit zu erregen schreiben wir auf Instagram kleine Tauschgeschichten.
Und wie das bei mir immer so läuft, schreibe ich auch diesmal eine Fortsetzungsgeschichte ...

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und wenn es euer Interesse geweckt hat, schaut euch den Account @projekt.gambio auf Instagram an. 

#gambiotauschstory

Eine Münze

„Hier fang!“ 

Mein Bruder wirft mir aus dem Fundus vor, sich einen kleinen Gegenstand zu. 

„Was ist das?“, frage ich und betrachte die kleine goldene Münze in meiner Hand. 

Er zuckt die Schultern und lässt seinen Blick über die ausgebreiteten Gegenstände schweifen. „Vermutlich das einzig Wertvolle, was uns aus dem Nachlass bleibt.“ 

In Großmutters vollgestopfter Wohnung haben wir nach ihrem Tod schon das meiste entsorgt. Die kläglichen Reste liegen jetzt vor uns, und wenn ich keine Drogerie aufmachen will, brauche ich bis zum Sankt Nimmerleinstag kein Duschgel mehr kaufen. Hygieneartikel, soweit das Auge reicht und diese seltsam hübsche Münze. 

 

Am Abend, beim Verlassen der Wohnung frage ich Fred, ob er ein Bier an der Kneipe um die Ecke mit mir trinken möchte, aber er winkt ab. Auf ihn warten Frau und Kinder. 

Allein mache ich mich auf den Heimweg, aber nachdem ich den ganzen Tag in der Wohnung meiner Großmutter verbracht habe, will ich nicht nach Hause. Die Parallelen zwischen ihr und mir sind zu groß, als dass ich mich jetzt in die Einsamkeit meiner vier Wände zurückziehen möchte. 

Bei einem Bier an der Theke lasse ich den Tag Revue passieren. Das traurige Bild von Oma, allein im Schaukelstuhl, umringt von all diesen Kisten, geht mir nicht aus dem Kopf. Wann immer wir bei ihr waren, hat sie stets darauf gedrängt, dass wir uns nach ihrem Ableben die Zeit nehmen, ihre „Schätze“ zu durchforsten. 

Heute habe ich festgestellt, dass von ihr nichts bleibt, als diese läppische Münze, die ich gedankenverloren über meine Finger rollen lasse. 

„Pokerspielerin?“ 

Überrascht schaue ich auf und sehe mich einem gut aussehenden Fremden Anfang dreißig gegenüber. 

„Was hat mich verraten?“ 

Er setzt sich mit seinem Glas neben mich und deutet auf meine Hand. 

„Entweder sitzt du oft am Pokertisch oder du schwimmst im Geld und spielst den ganzen Tag damit. Letzteres schließe ich aus, denn dann wärst du nicht in dieser schäbigen Spelunke.“ 

Mein herzliches Lachen eliminiert meinen Vorbehalt und wir beginnen zwanglos miteinander zu reden und na ja, auch ein bisschen zu flirten. 

Viel später ist es an der Zeit, den Heimweg anzutreten und meine introvertierte Art hindert mich wie so oft daran, zu fragen, ob wir uns wiedersehen. Vor der Kneipe grinst er mich schelmisch an. 

„Darf ich dir einen Tausch vorschlagen?“ 

Einen Tausch? Was könnte ich zum Tauschen haben? Unsicher nicke ich, ablehnen kann ich immer noch. 

Er kramt kurz in seinem Mantel und reicht mir eine Visitenkarte. 

„Meine Nummer für deine Münze?“ 

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Ein altes Buch

Fortsetzung ...


Der Zettel mit der Nummer gleitet mir aus den schweißfeuchten Fingern. Sollte ich ihn wirklich anrufen? Er war nett und wir hatten einen amüsanten Abend. Außerdem habe ich ihm Omas Münze gegeben und davon war mein Bruder kein bisschen begeistert. 

Ich bücke mich und betrachte die gestochen scharfen Ziffern. Eine nach der anderen tippe ich sie ein. Es läutet und ich muss mich darauf konzentrieren, dass mir das Smartphone nicht auch noch aus der Hand fällt. 

„Ja, hallo?“ 

„Hier ist Liz“, bringe ich mich brüchiger Stimme hervor. 

Mein Gott, reiß dich zusammen, immerhin hat er dir seine Nummer gegeben. 

„Liz?“ 

„Die Frau mit der Münze.“ 

„Oh, hey, wie geht es dir?“ 

Zum Glück erinnert er sich an mich, alles andere wäre oberpeinlich gewesen. 

„Gut danke. Ich wollte fragen, ob … also mein Bruder … er war ziemlich sauer … kann ich die Münze zurückhaben?“ 

Mit einem schallenden Lachen als Reaktion habe ich nicht gerechnet und in mir regt sich Unmut. 

„Zurücktauschen? Das geht aber nicht.“ 

Das ist jetzt nicht sein Ernst. Jens meint, die Münze wäre wertvoll und er will sie unbedingt zurück. 

„Aber …“ 

„Triff mich morgen um drei im Marktkaffee und bring mir einen Gegenstand zum Tauschen mit. Wenn er mir gefällt, bekommst du deine Münze wieder.“ 

 

Diese dämliche Tauscherei. Ich mache das nur, damit Jens Ruhe gibt. In meiner Tasche habe ich ein uraltes Märchenbuch, dass ich ganz sicher nicht mehr lese und hoffe, es stößt bei Aaron auf Gegenliebe. 

Er sitzt an einem Tisch im Außenbereich und winkt mir fröhlich zu. Zur Begrüßung gibt er mir ein Küsschen auf die Wange und ich kann nicht verhindern, dass mir das Blut in selbige schießt. 

Wir bestellen Kaffee und Torte und kommen wie am Abend in der Kneipe problemlos ins Gespräch. 

„Würdest du mit mir Essen gehen? Ein richtiges Date“, fragt er plötzlich. 

Sein Vorstoß überrascht mich und ich überlege, ob ich das möchte. Natürlich möchte ich es. Seine Frage hat eine Armada Schmetterlinge in meinem Bauch in Aufruhr versetzt. 

„Das kommt ein bisschen darauf an“, erwidere ich und hole das alte Märchenbuch aus meiner Tasche. 

Verwirrt nimmt er es, blättert darin herum und schiebt mir die Münze über den Tisch. 

„Und worauf?“ 

„Was du für ein Date mit mir zum Tausch anbietest.“ 

 

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Ein Karamellbonbon

Fortsetzung ...


Verdammt.

Das Regal mit meinen Lieblingskaramellbonbons ist leer. Die Menschen hamstern derzeit auch wirklich alles.

Mein Blick fällt auf einen verwaisten Einkaufswagen, ein paar Schritte von mir entfernt. Darin entdecke ich eine Tüte der heiß begehrten Ware. Unauffällig suche ich mich nach dem Besitzer um und stelle fest, dass ich allein im Gang mit den Süßwaren bin.

Vermutlich mopse ich einer Mutter mit zehn Kindern die einzigen Bonbons, die ihre von Allergien geplagte Tochter zum Geburtstag bekommen kann, und schmore dafür nach meinem Ableben in der Hölle, aber meine Nerven brauchen jetzt genau diese Karamellbonbons.

Betont lässig pirsche ich mich an den Wagen heran, lasse die Hand sinken und ergreife meine Beute.

„Hey, das ist mein Wagen.“

War ja klar. Ich lasse die Tüte los.

Mit hochrotem Kopf drehe ich mich um und stehe keinem geringeren als Aaron gegenüber.

„Eh hallo.“ Oh mein Gott, ist das erniedrigend. „Was … also … was machst du denn hier?“

Das Grinsen in seinem Gesicht wird breiter und ich schäme mich in Grund und Boden.

„Ach weißt du, ich bin einkaufen.“

„Wirklich, so ein Zufall, ich auch.“

Diese Unterhaltung ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten.

„Kann es sein, dass du dich im Wagen geirrt hast?“

Es ist äußerst charmant von ihm, mir eine Brücke zu bauen. Blöd nur, dass ich einen Henkelkorb am Arm hängen habe.

„Ja, scheint so.“

Er nimmt die Tüte mit den Bonbons heraus und mustert die Verpackung.

„Kann es sein, dass dir das noch fehlt?“

Ich will danach greifen und mich höflich bedanken, aber er zieht sie blitzschnell weg.

„Erinnerst du dich an unser letztes Treffen?“

Ich nicke. Wie könnte ich das vergessen.

„Hast du Samstag schon was vor?“

„Nein.“

„Dann tausche ich die hier gegen ein Abendessen im El Corazón. Samstagabend um halb acht. Sei pünktlich.“

Damit wirft er die Packung zurück in seinen Wagen und geht mit einem Augenzwinkern davon.

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Das Osterei

Fortsetzung ...


Für das gegen die Karamellbonbons getauschte Date am Karsamstag mit Aaron habe ich ein dunkelblaues Kleid im Empirestil mit weißen Stickereien angezogen. Das El Corazón gehört zur oberen Liga und ich möchte ungern als Bauerntrampel daherkommen. 

Als er mich abholt, funkeln seine Augen amüsiert und ich fühle mich verunsichert. Bin ich overdressed? Oder doch eher underdressed? 

Er selbst hat einen schwarzen Anzug an, und wenn man uns in unserer Garderobe so sieht, könnte man meinen, wir wären auf dem Weg zu einem Ball. 

„Du siehst wunderschön aus.“ Mit einem gehauchten Kuss auf die Wange begrüßt er mich, fasst mich sanft am Ellbogen und bringt mich zu seinem Wagen. 

„Vielen Dank. Du bist auch sehr schick“, bedanke ich mich unbeholfen und gleite auf den Sitz. 

Während der Fahrt reden wir kaum. Ich fühle mich gehemmt und bin zu schüchtern, um von mir aus ein Gespräch zu beginnen, und Aaron konzentriert sich auf die Straße. 

Erst nachdem wir im Restaurant das Essen bestellt haben, taue ich auf und bis der Abend vorbei ist, ist jede Unsicherheit verflogen. 

Aaron schlägt vor, im angrenzenden Park noch ein Stück spazieren zu gehen und ich willige gerne ein. 

Nach ein paar Minuten beginne ich allerdings in meinem dünnen Kleid mit den viel zu kurzen Flatterärmeln zu frösteln. Aaron legt mir seine Jacke über die Schultern und hakt mich unter. Ich genieße seine Nähe, seine Wärme und seinen Duft. 

Überhaupt genieße ich es, mit ihm zusammen zu sein. Er ist aufmerksam, humorvoll und verdammt sexy. 

„Hey, schau mal, was ist das denn?“, ruft er plötzlich und deutet auf etwas Glitzerndes an einem Baumstamm, ein paar Meter von uns entfernt. 

Er lässt mich los und läuft über den Rasen zu dem Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit erregt hat. Ich warte geduldig, bis er zurückkommt. In seiner Hand hält er eine Schale mit kleinen, bunten Schokoladenostereiern. 

Bei dem Grinsen in seinem Gesicht schwant mir, dass diese Überraschung nicht von ungefähr kommt. 

Ich will mir ein Ei mopsen, aber er zieht sie weg, ehe ich eines ergreifen kann. 

„Nicht so schnell, meine liebe Liz.“ 

Er nimmt ein Ei aus der Schale und hält es mir vor die Nase. Sein Grinsen wird breiter und ich wittere ein abgekartetes Spiel. 

„Ich tausche dieses Osterei gegen einen Kuss von dir.“ 

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Die Weinflasche

Fortsetzung ...


„Ich würde mich gerne einmal mit dir treffen, ohne dass es an eine Bedingung geknüpft ist.“

Seine Frage nach einem Tauschgegenstand für unser nächstes Date stößt mir sauer auf. Die ganze Tauscherei ist lustig und wenn sie zu einem wundervollen ersten Kuss führt, habe ich ja nichts dagegen. Mich stört allerdings, dass wir uns scheinbar nur treffen, wenn ich einen Tausch anbiete.

„Es ist keine Bedingung. Komm, mach den Spaß mit. Immerhin haben wir uns durch einen Tausch kennengelernt.“

Der flehentliche Ton in seiner Stimme lässt mich weich werden. Ich kann mir gut vorstellen, wie er seinen treuherzigen Dackelblick auflegt.

„Also schön. Ich tausche drei Stunden meiner kostbaren Zeit und beglücke dich mit meiner bezaubernden Anwesenheit.“

Lachend legt er auf und schreibt mir eine Nachricht, wann er mich abholt.

Die Schmetterlinge in meinem Bauch lassen mich schnell vergessen, dass ich mich schon wieder zum Tausch habe breitschlagen lassen.

 

Das Klingeln lässt vor Vorfreude meine Haut prickeln und mein Herz beginnt zu rasen. Mit der Jacke in der Hand öffne ich die Tür und blicke mich suchend nach Aaron um.

Auf meiner Fußmatte liegt eine orangefarbene Rose in einer mit Wasser gefüllten Phiole, an der ein kleiner Zettel hängt.

 

Tausch mich bei Alfredo.

 

Laut lachend verlasse ich meine Wohnung und gehe mit der Rose zu dem Italiener ein paar Straßenzüge weiter. Es wundert mich nicht, dass mich der Inhaber mit einem schelmischen Augenzwinkern empfängt. Im Tausch gegen die Rose reicht er mir einen Korb mit Leinenservietten, Tellern und Besteck für zwei Personen sowie die Miniatur des Schiefen Turms von Pisa, an dem ein Zettel mit der nächsten Tauschaufgabe hängt.

 

Tausche mich bei Annas.

 

Im Tausch gegen die Miniatur erhalte ich an der Pommesbude Annas Worscht zwei eingeschweißte Portionen Currywurst mit Kartoffelsalat und Baguette sowie einen kleinen Magnetbaum mit Kronkorken.

Bei meinem nächsten Tausch erhalte ich für den Baum zwei Weingläser und eine Gummiente.

Es braucht einen Moment, bis mir einfällt, dass im Stadtpark neben dem Ententeich ein Crêpewagen steht.

Natürlich wundert sich auch der Crêpier kein bisschen über meine Ente. Er reicht mir eine Metallbox und ein zusammengefaltetes, rot-weiß kariertes Stofftaschentuch. Zwischen den Falten fällt ein Zettel heraus.

 

Such mich, ich bin ganz in der Nähe.

 

Bei unserem letzten Treffen habe ich Aaron von dem zauberhaften Fleckchen bei den drei Eichen erzählt. Ich umrunde den Teich und steuere direkt auf eine Picknickdecke zu, die meinem Taschentuch sehr ähnlich ist. Von meinem Date fehlt noch jede Spur, aber ich setzte mich und räume schon mal den Korb aus.

„Da fehlt was“, murmle ich, als ich die beiden Weingläser hervorhole.

„Was hältst du von einem Tausch?“

Erschrocken fahre ich herum. Aaron hat sich angeschlichen und hält mir breit grinsend eine Flasche Chianti hin.

„Die tausche ich gegen ein Picknick mit dir.“

„Und was ist mit dem Kino?“

„Findest du nicht, dass deine kostbare Zeit im dunklen Kino genauso verschwendet ist wie deine bezaubernde Anwesenheit.“

 

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Bernstein

Fortsetzung ...


Seit unserem Picknick vergangene Woche konnten wir uns nicht mehr treffen, weil Aaron geschäftlich auf Reisen war.

Umso mehr freue ich mich, dass er sich an diesem fast schon sommerlichen Samstag zum Frühstück mit mir in der Innenstadt verabredet hat.

Ein Treffen ganz ohne ein Tauschgeschäft hat mich zunächst stutzig gemacht, aber ich genieße unser Beisammensein in vollen Zügen.

In den letzten Tagen hatte ich Zeit, mir Gedanken über meine Gefühle zu machen und habe versucht, der Frage auf den Grund zu gehen, ob wir ein Paar sind.

Es gefällt mir sehr, von ihm geküsst zu werden. Neuerdings hält er Händchen mit mir und das Kribbeln, das er damit auslöst, lässt mich dümmlich grinsen. Reicht das, um uns als Paar zu bezeichnen?

„Worüber grübelst du?“

Seine Frage reißt mich aus meinen Gedanken. Wir haben die Teller von uns geschoben und die letzten Reste unseres Kaffees sind längst kalt.

„Ich warte. Bisher ging jedes unserer Treffen mit einem Tausch einher und ich werde das Gefühl nicht los, dass du noch etwas im Petto hast.“

Sein belustigtes Lachen bestätigt insgeheim meine Vermutung.

„Magst du Geschenke?“

Versonnen nicke ich.

„Ich war in Westjütland. Weißt du, was ich dort neben ein paar neuen Kunden noch gefunden habe.“

„Spann mich nicht auf die Folter.“

„Einen Strand, an dem man nach Bernstein suchen kann.“

Er holt ein schwarzes Samtbeutelchen hervor und hält es mir hin. Ich öffne es und schütte mir etwa ein Dutzend kleiner erdnussgroßer Bernsteine auf die Handfläche.

„Oh, die sind wunderschön. Und die liegen da einfach am Strand herum?“

„Man braucht ein wenig Glück, ein gutes Auge und genügend Zeit zum Suchen, aber sie liegen einfach herum.“

„Und was hat das alles mit Geschenken zu tun?“

Ich packe die Steine in den Beutel und reiche ihn zurück. Im Gegenzug hält er mir sein Smartphone hin. Darauf sind zwei größere Steine zu sehen.

„Die habe ich auch gefunden. Ich habe einen Schmuckhersteller vor Ort beauftragt, ein Paar Ohrringe für meine Freundin daraus zu machen.“

Seine Freundin? Meint er mich damit? Aufgeregt und nervös zugleich warte ich darauf, dass er fortfährt.

„Leider hat er es vor meiner Abreise nicht geschafft und bis ich das nächste Mal geschäftlich in Dänemark bin, ist es Spätherbst. So lange möchte ich dich nicht warten lassen und schlage dir ein Tauschgeschäft vor.“

Ok, er meint mit seiner Freundin definitiv mich. Mir rauscht das Blut in den Ohren und ich warte hibbelig auf seinen nächsten Tausch.

„Würdest du mich im Tausch gegen die frühere Ablieferung meines Geschenks am Himmelfahrtswochenende nach Blåvand begleiten?“

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Schuhe

Fortsetzung ...


Seufzend stelle ich die Kiste, die ich vor Jahren in der hintersten Ecke meines Kleiderschranks vergraben habe, auf den Boden. Ich hatte fast vergessen, dass dieses Relikt aus meiner Vergangenheit hinter meinem Koffer schlummert und jederzeit alte Wunden aufreißen kann. 

„Liz, hast du gepackt?“ 

Aaron kommt ins Schlafzimmer und bleibt überrascht stehen. 

„Hey, was ist los?“ Er kniet sich neben mich und tippt mit seinem Finger mein Kinn nach oben, um mir in die Augen sehen zu können. Zärtlich gleitet sein Daumen über meine Wange und wischt mir die Tränen weg. Ich habe gar nicht bemerkt, dass mich der Anblick des unscheinbaren Schuhkartons so aus der Fassung gebracht hat. 

Sanft zieht er mich in seine Arme und tippt auf den Deckel. 

„Darf ich?“ 

Stumm nickend beobachte ich ihn dabei, wie er ihn abhebt und die nagelneuen pinken Tanzschuhe zum Vorschein kommen. 

„Die waren für den letzten Tanz im Ausscheidungsturnier für die Juniorenweltmeisterschaften. Wir waren ganz klare Favoriten und ich sollte ein letztes Mal mit meinem Partner aufs Parkett. Während des Warmtanzens ist eines der Konkurrenzpaare in uns hineingetanzt. Ich bin gestürzt und habe mir dabei einen Schaden am Sprunggelenk zugezogen, der meine Karriere als Profitänzerin beendet hat, bevor sie richtig begonnen hatte.“ 

Mitfühlend streichelt Aaron meinen Rücken. 

„Möchtest du sie loswerden?“ 

„Ich habe schon oft versucht, sie in den Müll zu werfen, es aber nicht übers Herz gebracht.“ 

Er steht auf, reicht mir die Hand und legt den geöffneten Koffer zu meinen Klamotten für unseren Ausflug nach Dänemark. 

„Lass uns das einpacken und dann kümmern wir uns um die Schuhe.“ 

 

Eine halbe Stunde später fahren wir mit Arons Wagen ins Stadtzentrum. Vor einem unscheinbaren Laden, in dessen Auslage allerlei Krimskrams liegt, parkt er und bittet mich, den Schuhkarton mitzunehmen. 

Wir steigen aus und ich schaue neugierig durchs Schaufenster. Second Hand Kleidung, Kisten, alte Bücher, eine gebrauchte Nähmaschine. Alles, was ich sehe, passt nicht wirklich zusammen und ich kann mir keinen Reim darauf machen, was das für ein Laden ist. 

Bevor ich Aaron danach fragen kann, packt er mich an der Hand und zieht mich ins Innere. 

„Hallo Aaron!“ 

Aus der hintersten Ecke kommt eine junge Frau. Sie dürfte Anfang zwanzig sein, hat ein buntes Top und eine Haremshose an. Ihre Dreadlocks sind zu einem hohen Zopf gebunden und auf ihrem Kopf thront eine Brille mit kleinen Gläsern in einer Metallfassung. Aaron stellt uns vor und reicht Elli meinen Karton. 

„Kannst du damit etwas anfangen?“ 

Beim Anblick der Schuhe weiten sich ihre Augen und ein fettes Grinsen breitet sich auf ihrem Gesicht aus. 

„Eines der Mädchen im Jugendzentrum hat Schulball. Sie war vor ein paar Tagen hier, aber ich hatte nichts Passendes für sie. Was wollt ihr dafür haben?“ 

„Wärst du bereit, sie gegen einen Bikini zu tauschen? Wir fahren übers Wochenende ans Meer und Liz hat keine Badekleidung mitgenommen.“ 

Mir schießt das Blut in die Wangen, denn mir war nicht klar, dass er sich meine Kleidung beim Packen so genau angeschaut hat. 

„Du und deine Tauschgeschäfte.“ Mit einem Zwinkern führt Elli uns zu einem Ständer mit Bademoden und ich suche mir im Tausch für die Tanzschuhe einen dunkelblauen Einteiler aus. 

Mit dem guten Gefühl, dass meine Schuhe ein junges Mädchen glücklich machen, fällt eine Last von meinen Schultern und wir fahren zufrieden gen Norden. 

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Schlüssel

Fortsetzung ...


Die Ferienwohnung, die Aaron gebucht hat, ist ein typisch dänisches rotes Holzhaus mit weißen Sprossenfenstern. Es liegt inmitten der Dünen und wir haben einen direkten Blick aufs Meer. 

Die Sonne steht bei unserer Ankunft tief am Horizont, sodass unser erstes Ziel noch bevor wie die Koffer auspacken, eine kurze Stippvisite ans Wasser ist. Es geht ein rauer Wind, der von den dicken Gewitterwolken herrührt, die vom Land aufs Meer ziehen und es grummelt bedrohlich. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis entweder der Horizont oder die Wolken die Sonne verschlucken und es dunkel wird. 

Wir stehen an der Wasserlinie. Aaron hat schützend seine Arme um mich geschlungen und wir beobachten ein Containerschiff, das in weiter Ferne übers Meer schippert. 

Das Donnergrollen im Hintergrund wird lauter und die ersten Blitze durchzucken den Himmel. 

„Wir sollten ins Trockene gehen!“ Es ist ein plausibler Vorschlag, der hoffentlich davon ablenkt, dass mir die Witterungsverhältnisse nicht ganz geheuer sind. 

Aaron nimmt meine Hand und zieht mich zum Haus. 

Bis wir unsere Reisetaschen aus dem Kofferraum holen, fallen die ersten dicken Regentropfen auf die Veranda. Er kramt den Schlüssel für die Haustür aus seiner Jeans. Doch statt aufzuschließen, lässt er ihn am Finger baumeln und zieht ihn aus meiner Reichweite, als ich danach greifen will. 

„Du möchtest rein? Dann verrate mir doch mal, gegen was du den Schlüssel eintauschst.“ 

Mit einem Augenrollen versuche ich ihm erneut den Schlüssel abzuluchsen, scheitere und stemme die Hände in die Hüften. 

„Ich werde nass und du willst tauschen?“ 

„Ach, das ist doch nur ein bisschen Wasser.“ 

An der Art, wie seine Stimme vor unterdrücktem Lachen hüpft und der Schalk in seinen Augen liegt, weiß er, dass es mir nicht um ein paar Regentropfen geht. 

„Also schön.“ 

Ich überbrücke die Distanz zwischen uns, umfasse seinen Hinterkopf und senke meine Lippen auf seine. Er taucht in diesen Kuss ein und für einen Moment vergesse ich das herannahende Unwetter. Ein warmes, wohliges Gefühl breitet sich von meinem Bauchnabel bis in den allerletzten Winkel meines Körpers aus. 

Seufzend löse ich mich von ihm. 

Es blitzt und im selben Augenblick fegt ein krachender Donner übers Land. 

„Reicht das?“, frage ich gereizt und sehe mich ängstlich um. 

„Ein guter Anfang, aber das ist durchaus ausbaufähig.“ Zwinkernd schließt er auf und endlich komme ich in die vermeintliche Sicherheit des Hauses. 

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Schriftrolle

Fortsetzung ...


Die Tage am Meer sind viel zu schnell vergangen und wenn ich daran denke, dass wir heute zurückfahren, macht es mich unendlich traurig. Wir kennen uns noch nicht lange, aber Aaron hat mich mit seinen Tauschgeschäften um den Finger gewickelt und mein Herz im Sturm erobert. Die gemeinsame Zeit hat uns einander nähergebracht und ich befürchte, dass ein bisschen von der Magie verloren geht, sind wir erst zurück im Alltag. 

Vor der Abreise wollen wir die Ohrringe abholen, die er bei seiner Geschäftsreise vor ein paar Wochen für mich in Auftrag gegeben hat. Lange habe ich überlegt, wie ich ihm meinerseits eine Freude machen kann, aber mir ist nichts eingefallen, was entweder in meinem Budget liegt oder nicht zu banal ist. 

Gestern Abend sind wir an einem Bücherturm vorbeigelaufen und obwohl er kein Dänisch kann, hat er interessiert die Buchrücken studiert. Ein altes in Leder gebundenes Buch hat seine Aufmerksamkeit erregt und er hat es herausgezogen. Auf dem Einband war die Abbildung einer Schriftrolle zusehen. Er hat mir erklärt, dass er seit frühster Kindheit fasziniert von alten Schriften ist und es hat mich auf eine Idee gebracht. 

„Hast du alles?“ Aaron ist hinter mich geschlichen, umfasst meine Taille und gibt mir einen sanften Kuss in den Nacken. „Was ist das?“ 

Auf dem Bett neben meinem gepackten Koffer liegt ein rechteckiges Kästchen aus Eichenholz mit einem Zahlenschloss. Ich habe es zufällig in einem Souvenirladen in der Nähe des Bücherturms entdeckt und während ich Aaron gebeten habe, am Eisstand für Nachtisch zu sorgen, habe ich es zusammen mit ein paar anderen Dingen gekauft. 

„Och, das ist mir zufällig in die Hände gefallen.“ 

Ich winde mich aus seiner Umarmung, schnappe das Kästchen und verlasse den Raum. 

„Hey warte. Im Ernst, was ist das? In solche Kisten hat man früher Schriftrollen gepackt. Ich hab dir doch erzählt wie faszinierend ich das finde. Wo hast du das her?“ 

„Willst du es haben?“ Ich hebe den Arm und wedle mit dem Gegenstand in meiner Hand herum. „Gegen was tauschst du denn?“ 

Sein Lachen kommt von Herzen und er eilt mir mit dem Koffer zum Wagen hinterher. 

„Hast du denn die Zahlenkombination?“ 

„Vielleicht.“ 

„Liz du machst es mir nicht leicht. Darf ich es mir mal ansehen?“ 

Ich reiche ihm das Kästchen und er wirft einen intensiven Blick auf das Zahlenschloss. Es ist ein billiges Souvenir und wenn er ein bisschen ruckelt, bekommt er die Kiste ohne die Kombination auf, aber er reicht es mir zurück und grinst. 

„Ich benötige sechs Ziffern, um es zu öffnen. Was hältst du von sechs Kugeln Eis?“ 

Mit einem energischen Kopfschütteln lehne ich ab. 

„Küsse?“ 

Ohne eine Antwort abzuwarten, küsst er mich und ich verrate ihm die erste Zahl. Wir fahren zum Schmuckladen und holen die Ohrringen. Dafür bekommt er eine zweite Ziffer. 

Bis wir am Abend in meiner Wohnung angekommen sind, hat er fünf der sechs Ziffern ertauscht. 

Wir stehen in meinem Schlafzimmer. Er hat den Koffer abgestellt und kommt auf mich zu. In meiner Hand halte ich das Kästchen und überlege fieberhaft, ob ich ihm den letzten Tausch anbieten soll. 

„Im Tausch gegen die letzte Ziffer könnte ich über Nacht bleiben“, nimmt er mir meine Gedanken aus dem Kopf. 

Meine offensichtliche Zustimmung quittiert er damit, dass er mir die Kiste aus der Hand reißt und auffordernd mit den Augenbrauen wackelt. 

„Acht.“ 

Er gibt die sechs Ziffern der Reihe nach ein. Das Zahlenschloss springt auf und im Inneren kommt eine kleine selbstgebastelte Schriftrolle zum Vorschein. Aaron nimmt sie heraus, löst den roten Schnürsenkel, entrollt das Papier und liest aufmerksam meine Nachricht. 

Gespannt halte ich die Luft an. Mit einem zufriedenen Lachen kommt er auf mich zu und wirft die Schriftrolle achtlos auf das Sideboard neben mir. 

„Sehr gerne. Ich freue mich darauf, deine Familie kennenzulernen.“ 

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Hosenknopf

Fortsetzung ...


„Fred ist ein dämlicher Idiot!“

Irritiert schaue ich von dem Schneidebrett vor mir auf und sehe Aaron mit offenstehender Hose im Durchgang zum Esszimmer stehen.


Wie er in der viertel Stunde, seit er meinen Bruder kennengelernt hat, zu dieser durchaus zutreffenden Einschätzung gekommen ist, ist mir ein Rätsel.

„Was ist passiert?“

Mit griesgrämiger Miene kommt er zu mir und stiehlt sich eine Scheibe Mozzarella.

Nachdem ich ihn gefragt hatte, ob ich ihn meinen Eltern vorstellen darf, haben wir kurzerhand beschlossen, alles in einem Abwasch zu machen und beide Familien eingeladen. Aaron ist ein Einzelkind, aber ich habe besagten dämlichen Bruder und weil meine Wohnung zu klein für acht Erwachsene und zwei quirlige Kleinkinder ist, grillen wir in Aarons Haus am Stadtrand.

Er hat einen Garten, in dem Lea und Felix toben können und eine große Terrasse, auf der wir alle Platz haben.

„Ich habe mich gebückt und der Knopf meiner Lieblingsshort ist abgesprungen. Und er hat nichts Besseres zu tun, als ihn immer wieder wie ein Kleinkind außerhalb meiner Reichweite zu halten. Würde er ihn mir einfach geben, wäre er in Nullkommanichts angenäht.“

Das ist typisch Fred. Er ist ein Quatschkopf und hat vermutlich keine Ahnung, wie nervös wir beide wegen dieses Treffens sind.

„Rational betrachtet würde ich sagen, zieh einfach eine andere an, aber wie ich dich kenne, geht es dir ums Prinzip.“

Er nickt verbissen und handelt sich bei dem Versuch, noch eine Scheibe Mozzarella zu mopsen, einen Schlag auf die Finger ein.

„Na ihr Turteltäubchen?“ Der hämische Tonfall in Freds Stimme treibt mich zur Weißglut.

„Gib ihm seinen Knopf.“

„Ach komm Liz … hab dich nicht so.“

„Fred!“

Mein Bruder kommt bis auf einen halben Meter an uns heran und hält uns den Knopf hin. Es passiert, was passieren muss. Aaron greift nach ihm und Fred verschließt die Hand zur Faust.

„Wie, sagtest du gleich, habt ihr euch kennengelernt? War da nicht was mit Tauschgeschäften?“

Ich stemme die Fäuste in die Hüfte. „Was willst du im Tausch für den Knopf?“

„Weißt du, Anke und ich haben kommendes Wochenende Hochzeitstag und ein Babysitter von Freitag bis Sonntag ist verdammt teuer.“

Mit einem Zwinkern wartet er, bis ich lachend nicke und reicht Aaron den Knopf.

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Fahrrad

Fortsetzung ...


„An und für sich ein verlockender Vorschlag. Ich war lange nicht in der Heide und Fahrrad bin ich noch viel länger nicht gefahren. Es gibt jedoch eine klitzekleine Einschränkung. Ich besitze keinen Drahtesel.“

„Du hast kein Fahrrad?“ Aaron schaut mich an, als wären mir Hörner gewachsen.

Mein bestätigendes Nicken quittiert er mit einem ungläubigen Kopfschütteln.

„Ok, was in deinen heiligen Hallen gibt es, was du nicht mehr brauchst. Wir werden dir bei Joe ein Fahrrad ertauschen.“

Krampfhaft überlege ich, was auch nur annähernd wertvoll genug sein könnte, dass sich für einen Tausch anbieten würde, aber mir fällt nichts ein, von dem ich mich trennen könnte.

"Wir können eines leihen, das ist doch kein Problem."

Wieder schüttelt er energisch den Kopf.

"Glaubst du, das bleibt unsere einzige Tour?"

Er geht in meine Küche und fängt an zu stöbern. Aus den Tiefen der Schränke holt er den ein oder anderen Gegenstand, den ich tatsächlich nicht gebrauchen kann. Allerdings bezweifle ich, dass es für ein Fahrrad reicht. Nach der Küche sind mein Wohnzimmer und mein Abstellraum dran. Am Ende haben wir eine große Kiste mit Krimskrams, den ich nicht mehr brauche.

"Und was hast du jetzt damit vor?"

Ohne auf meine Frage einzugehen, packt er mich an der Hand und verlässt mit mir die Wohnung.

„Neben der Boulderhalle gibt es Joes Hinterhof. Dort treffen sich Tauschwillige mit ihren Sachen. Mal sehen, ob wir einen fahrbaren Untersatz für dich finden.“

Er packt die Kiste in seinen Wagen und bringt uns zur Boulderhalle. Der Hinterhof ähnelt eher einem Drogenumschlagplatz, aber neben dem Besitzer Joe sind etliche Leute vor Ort, die versuchen, ihr ausrangiertes Hab und Gut zu tauschen. Ein Fahrrad entdecke ich nirgends.

Aaron schnappt sich die Kiste aus dem Kofferraum und beginnt eifrig meine Sachen mit den Anwesenden zu tauschen. Fasziniert schaue ich ihm dabei zu, bis er am Ende grinsend mit einem Ordner vor mir steht.

„Was ist das?“, frage ich und suche vergeblich nach einem Fahrrad.

"Eine Comicsammlung!"

Mein fragendes Gesicht verleitet ihn nicht dazu, sich zu erklären. Mit dem Ordner unterm Arm schleift er mich zum Wagen.

„Würdest du mir erklären, was du vor hast? Bei deiner Tauscherei ist nichts weiter herausgekommen als ein paar Comics. Ich denke, wir leihen morgen einfach ein Rad für mich.“

„Das meine Liebe“, er deutet auf den Ordner, „ist der Heilige Gral und ich weiß genau, wer ihn gegen ein Fahrrad tauscht.“

Wir fahren in seine Wohngegend und halten zwei Straßenzüge von seinem Haus entfernt vor einem schicken Einfamilienhaus. Mit dem Ordner unterm Arm führt er mich zur Haustür und klingelt.

Kurze Zeit später öffnet ein bulliger Mann um die vierzig die Tür und starrt grimmig auf uns.

„Was willst du hier?“

Die Begrüßung ist alles andere als freundlich und ich fühle mich unbehaglich. Aaron wedelt mit dem Ordner und reicht ihn weiter.

„Ich würde gerne meine Schulden begleichen.“

Die Miene des Unsympaths wechselt zu interessiert und schließlich zu enthusiastisch. In diesem Moment schnappt Aaron sich den Ordner und hält ihn außer dessen Reichweite.

„Die sind einiges mehr wert als das, was ich dir schulde und ich weiß, dass du in deiner Garage ein Zweirad hast, dass du niemals nutzt. Im Tausch dagegen kannst du den Ordner haben.“

Sekunden später stehen wir vor einer ins Schloss geworfenen Tür. Enttäuscht drehe ich mich um und will zum Wagen zurück. Aaron hält mich auf.

„Warte.“

Kurze Zeit später höre ich ein elektrisches Garagentor, dass sich öffnet. Der Kerl kommt mit einem nigelnagelneuen eBike um die Ecke und hält es mir hin. Ungläubig starre ich darauf, während Aaron den Ordner übergibt.

„Wenn du das nächste Mal nach Zündpapier für den Grill suchst, machst du einen großen Bogen um mein Haus.“

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Dartpfeile

Fortsetzung ...


Meine Beziehung zu Aaron fing in einer schäbigen Spelunke mit einer alten Münze und einen Pokerspielertrick an. Meine Pokerrunde habe ich seither selten besucht und nie in seiner Begleitung. An diesem Freitagabend habe ich seinem Drängen endlich nachgegeben und ihn mitgenommen.

Das Pokern hat mir meine Großmutter beigebracht, lange bevor es zum Trendsport wurde. Zum Einsatz kamen Bonbons oder Schokolinsen. Heute spielen wir um Centbeträge.

Aaron hat sich problemlos in unsere illustre Runde eingefügt und hält sich erstaunlich gut. Jedes Mal, wenn ich einen der Chips über meine Finger gleiten lasse, wirft er mir ein verschmitztes Lächeln zu und erinnert mich damit an unser Kennenlernen.

In den letzten beiden Runden ist er ein wenig unter Druck geraten. Ein gutes Blatt, das von einem besseren ausgestochen wurde, hat seine Gewinnsträhne gebrochen. Wir sitzen noch zu dritt am Tisch und wenn er jetzt nicht gewinnt, sieht es schlecht für ihn aus. Mario, der dritte im Bunde, schiebt seinen Stapel Chips in die Mitte.

„All in.“

Zu meiner Überraschung erhebt sich Aaron, geht zu seiner Jacke und holt ein rechteckiges Case hervor. Am Tisch legt er es Mario hin und deutet auf dessen Karten.

„Das biete ich dir im Tausch für dein Blatt.“

Mario runzelt verwirrt die Stirn, öffnet die Schließe und klappt den Deckel hoch. Zum Vorschein kommen Dartpfeile. Er nimmt einen heraus und betrachtet ihn genau.

„Wo hast du die her?“

„Ich war vor einigen Jahren im Ally Pally und hatte das Glück, einige der Stars zu treffen. Souvenirs inbegriffen.“

„Die sind viel zu wertvoll. Wir spielen hier um Kleingeld und du weißt nicht einmal, ob ich bluffe.“

„Lass das mal meine Sorge sein. Was hältst du von dem Tausch?“

Das Leuchten seiner Augen verrät mir Marios Entscheidung schon bevor er Aaron die Karten über den Tisch schiebt. Was denkt er sich nur dabei?

Wir spielen weiter und mit Marios Blatt gewinnt Aaron die Runde. Jetzt sitzen nur noch er und ich am Tisch.

„Warum hast du das gemacht?“, frage ich, während der Kartengeber neu austeilt.

„Dieses Pokerfinale mit dir ist mir mehr wert als alles andere.“

#gambiotauschstory

Eis

Fortsetzung ...


Aaron sitzt mir auf der Terrasse seines Gartens gegenüber und leckt genüsslich an seiner Eiswaffel.

Bei meinem Überraschungsbesuch waren es noch zwei Eis, aber ich habe meine, schusselig, wie ich bin auf den Küchenboden fallen lassen.

Natürlich hat er mir seines angeboten, aber mein Stolz hat mich daran gehindert, es zu essen.

Jetzt schaue ich ihm dabei zu, wie er nacheinander die drei Kugeln genießt und schwitze unter der gleißenden Sonne, anstatt mich zu erfrischen.

„Wir könnten heute Abend ins Kino gehen, da ist es klimatisiert“, schlägt er vor und leckt mit der Zunge über das Himbeereis.

„Oder wir könnten uns nackt ausziehen und in deinem Garten Lambada tanzen.“

Meine Entgegnung ist schnippiger, als er es verdient hat.

„Da hat aber jemand schlechte Laune.“

„Entschuldige, es ist nur so entsetzlich heiß.“

„Ein Eis würde dir guttun.“

Ich spare mir einen bissigen Kommentar und schaue auf mein Handy, um ihm nicht in sein grinsendes Gesicht blicken zu müssen.

Nach ein paar Nachrichten auf Insta beobachte ich im Augenwinkel, dass er sich das Endstück der Waffel mit dem Zeigefinger in den Mund schiebt und sich die Krümel von der Hand reibt.

„Willst du weiter schmollen oder bist du bereit für ein Tauschgeschäft?“

Augenrollend werfe ich das Handy auf den Tisch zwischen uns und ziehe auffordernd die Braue hoch.

„Ich bekomme nächste Woche ein Paket mit neuen Klamotten und müsste meinen Kleiderschrank vorher ausmisten.“

„Und wo ist der Tausch?“

Er deutet mir ihm zu folgen und bringt mich in seinen Abstellraum. Dort öffnet er den Gefrierschrank und zaubert eine Packung Mangoeis hervor.

Meine Lieblingssorte.

„Das ist nicht nett, das weißt du schon?“

Er nimmt das Eis mit in die Küche, füllt drei Kugeln in eine Schale und schlurft mit mir in sein Schlafzimmer.

„Weißt du, eigentlich würde ich dieses Eis gerne gegen etwas anderes tauschen.“

Er führt mich zu einem Sideboard und zieht die oberste, leere Schublade auf.

„Ich tausche dieses Eis …“ Er öffnet seinen Kleiderschrank, der ebenfalls zur Hälfte leer ist. „… gegen ein paar von deinen Habseligkeiten in meinem Haus.“

#gambiotauschstory

Eis

Fortsetzung ...


 

Während Aaron einen Termin im Rathaus wahrnimmt, hat er mich auf dem Vorplatz zurückgelassen, mir einen regenbogenfarbenen Schirm gereicht und gebeten, diesen gegen etwas Brauchbares zu tauschen. 

Inzwischen habe ich an seiner Tauschleidenschaft wirklich Gefallen gefunden. Bei 35 Grad im Schatten ohne ein klitzekleines Wölkchen am Himmel, ist diese Aufgabe jedoch ein hoffnungsloses Unterfangen. 

Keiner braucht an einem traumhaft schönen, extrem heißen Spätsommertag einen Regenschirm. Dieser würde nur an den bevorstehenden Herbst, die kühlen Tage und Nächte und den dringend benötigten Regen erinnern. 

Egal gegen was ich ihn tauschen möchte, ich werde stets milde belächelt, wenn nicht gar gleich ausgelacht. 

Zwar treibt mich mein Ehrgeiz an, nach einem Tauschpartner zu suchen, aber die Hitze macht mir zu schaffen. Anstelle weiter nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen zu wühlen, spanne ich den Schirm auf, um mich vor der gleißenden Sonne zu schützen. 

Diesmal bin ich gescheitert, aber das tut dem Spaß keinen Abbruch. Aaron wird mich aufziehen und wir werden gemeinsam darüber lachen. 

Bis er zu mir stößt, wird es noch eine Weile dauern. Ich beschließe im angrenzenden Park einen kleinen Rundgang um den Schwanenteich zu machen. Neben Hundebesitzern, die ihre Tiere ausführen, sehe ich kleine und größere Grüppchen Spaziergänger, Sonnenanbeter auf der Liegewiese und tatsächlich auch Jogger, die der Hitze trotzen. 

Ich komme am Spielplatz vorbei. Eine Mutter kämpft verzweifelt mit ihrem Sohn, der Sonnenmilch und einer Kopfbedeckung. Der Kleine weigert sich partout, den Sonnenhut aufzusetzen und brüllt den halben Park zusammen. Kurzentschlossen öffne ich das Türchen und lasse mich mit meinem Schirm neben den beiden auf die Wiese sinken. 

„Hallo kleiner Mann. Wie heißt du denn?“ 

Mit einem finsteren Blick unterbricht er sein Gezeter. 

„Torben.“ Neugierig starrt er auf meinen bunten Schirm. „Es regnet doch gar nicht.“ 

„Oh, der ist wegen der Sonne. Ich habe leider keine Sonnenmilch, aber ich muss mich vor den Strahlen schützen. Sie verbrennen doch sonst meine Haut.“ 

Torben runzelt die Stirn und lässt den Blick zur Flasche in der Hand seiner Mutter schweifen. 

„Wir haben Milch, … aber ich mag sie nicht.“ 

„Und warum?“ 

Schulterzuckend starrt er wieder auf meinen Schirm. Seine Mutter reicht mir derweil die Flasche und hält mir den Schirm über den Kopf. Ich verreibe einen Klecks auf meinen Armen und halte sie Torben hin. Seine Reaktion ist ein energisches Kopfschütteln. 

„Darf ich dir einen Tausch vorschlagen? Mein Schirm gegen zweimal eincremen. Einmal du und einmal ich. Was denkst du?“ 

Seine Augen beginnen zu leuchten. Unter dem dankbaren Blick seiner Mutter verteilen wir die Sonnenmilch auf unserer Haut und er lässt sich zum Abschluss bereitwillig seine Mütze aufsetzen, bevor er mit seinem neuen Schirm über den Spielplatz stolziert. 

Ich denke an Aaron und bin davon überzeugt, dass er es wie ich sieht. Dieser Tausch war ein überaus brauchbarer.