#shortstorydienstag

Ein Projekt, aus dem bereits ein Buch entstanden ist 

Meine lieben Autorenkolleginnen Ira Laudin  und M. D. Zwist haben den #shortstorydienstag lange bevor ich auf Instagram unterwegs war ins Leben gerufen und nach anfänglicher Skepsis zu Kurzgeschichten habe ich in den zunächst wöchentlich wechselnden Themen eine gute Schreibübung für mich entdeckt.
Aus der ersten Fortsetzungsgeschichte ist bereits ein komplettes Buch entstanden, das sich gerade in der Überarbeitung befindet. Und zum Jahresanfang habe ich mit Chloé und Luke ein neues Kapitel aufgeschlagen, dass ich im inzwischen 14-tätigen Rhythmus fortsetzte. 

Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen. 

#shortstorydienstag

Bleigießen 

„Chloe“, hat Ellen gesagt, „das wird bestimmt lustig. Du musst auf andere Gedanken kommen und was wäre da besser, als das alte Jahr mit den neuen Vorsätzen für 2022 zu beenden?“ 

Eigentlich ist es nur ein Vorsatz, den, endlich wieder am Leben teilnehmen. Das letzte Jahr war hart. Er ist gegangen. Von heute auf morgen ohne ein Wort der Erklärung. 

Ich habe mich vom Enthusiasmus meiner Arbeitskollegin für die Silvesterparty ihres besten Freundes Luke anstecken lassen. Seit Wochen habe ich den Jahreswechsel herbeigefiebert. Vor allem Weihnachten, die Tage, die man mit seinen Liebsten verbringt, sollten vorbei sei. Jeder hat mich behandelt wie ein rohes Ei. Dabei wollte ich alles hinter mir lassen. 

Jetzt sitze ich in der kleinen Runde Silvestergäste auf Lukes Party und kämpfe mit aller Macht gegen die Tränen. 

Letztes Silvester haben wir gemütlichen Küche in unserer Wohnung gesessen. Meine Schwester war mit ihrem Mann bei uns, es gab Raclette und wir hatten jede Menge Spaß. Nachdem die Bäuche voll waren haben wir die Zeit mit Gesellschaftsspielen überbrückt. Dann hat er diese alte, vergilbte Packung Blei hervorgeholt und vorgeschlagen das neue Jahr mit einer Weissagung im Wasserbad zu beginnen. 

Meine gegossene Bleifigur sah aus wie der Gehstock eines alten distinguierten Mannes. In meinem geistigen Auge habe ich ihn vor mir gesehen, mit Monokel und Zylinder. 

„Der Stock steht für große Veränderungen.“ Mit seiner Deutung holt Luke mich aus der Rückschau. Es hatte perfekt gepasst. Wir hatten auch so viele Pläne, wollten heiraten, ein Haus bauen, Kinder bekommen und dann war er weg. 

Ich kann die Tränen nicht länger zurückhalten. Wie grausam kann das Leben sein? Wieso um alles in der Welt musste es ausgerechnet Bleigießen sein? Und wieso musste ich das gleiche Ergebnis wie im letzten Jahr haben? 

„Hey, wer wird den gleich weinen.“ Luke legt seinen Arm um meine Schulter und hält mir ein Taschentuch hin. 

Mit verheulten Augen sehe ich in seine blaugrauen Iriden und zwänge meine nächsten Worte an dem dicken Kloß in meiner Kehle vorbei: „Im letzten Jahr hatte ich auch einen Stock. Die ach so große Veränderung war der Selbstmord meines Verlobten.“ 

#shortstorydienstag

Eislaufen 

Fortsetzung ...


Ich habe mich breitschlagen lassen mit meinen Kollegen zum Eislaufen zu gehen.

Nur mit großer Mühe halte ich auf den dünnen Kufen mein Gleichgewicht. Um mich herum kurven viele, die noch wackliger sind als ich, aber es gibt etliche, die kunstvolle Pirouetten drehen.

„Chloé, Vorsicht!“

Die erschrockene Warnung meines Chefs kommt zu spät. Ein wuchtiger, großgewachsener Skater rammt mich. Ich gerate ins Straucheln und stürze auf die Eisfläche. Mein Versuch mich mit den Armen abzufangen, wird von einem untrüglichen Knacken eines brechenden Knochens begleitet. Schmerz breitet sich in meinem Unterarm aus und treibt mir die Tränen in die Augen.

Eilig scharen sich meine Kollegen um mich und helfen mir auf die Beine.

„Das sieht übel aus.“ Ellen deutet auf meinen Arm, der in einem merkwürdigen Winkel absteht. „Komm, ich bring dich in die Klinik.“

Während sie mich von der glitschigen Bahn führt, suchen die anderen den Verursacher, aber ich fürchte, er hat sich aus dem Staub gemacht.

Eine Stunde später sitze ich in der Notaufnahme, die bezeichnenderweise genau gegenüber der Eishalle liegt. Ich wurde geröntgt und warte auf einen Arzt. Ellen habe ich zurückgeschickt. Ich werde später mit der Bahn nach Hause fahren.

„Zum Feierabend noch einen gebrochenen Unterarm.“

Beim Klang der Stimme krümme ich mich innerlich vor Verlegenheit. Echt jetzt? Ausgerechnet er soll meine Fraktur richten? Ich wusste nicht mal, dass er Arzt ist.

Noch hat er mich nicht gesehen, denn er blickt konzentriert auf ein Tablet in seiner Hand. Ob er sich noch an mich erinnert?

„Dann lassen Sie uns doch … Chloé?“, überrascht bricht er mitten im Satz ab.

Verdammt, er hat mich erkannt. Wir sind uns bisher erst einmal begegnet. An Silvester. Mit dem Fettnäpfchen, in das er hineingetreten ist, habe ich scheinbar bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen.

„Guten Abend, Luke!“

Mit einem schelmischen Grinsen gipst er mir schweigend den Arm ein. Nachdem er fertig ist, schaut er mich neugierig an.

„Ich habe niemanden gesehen, der auf dich wartet. Wenn du mir zehn Minuten gibst, könnte ich dich nach Hause chauffieren.“

Das ist eine absolut dämliche Idee, aber hat mich das je davon abgehalten, etwas Dummes zu tun?

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Kaffeeklatsch 

 

Fortsetzung ...


Nach meinem Unfall auf der Eisbahn hat es sich meine Kollegin Ellen zur Aufgabe gemacht, mich noch mehr zu betüddeln, als sie es eh schon macht seit … na ja, seit André gestorben ist. 

Zugegeben, mit ihr am Wochenende Tagesausflüge ans Meer oder in die Heide zu machen und mit ihr ins Kino oder ins Museum zu gehen, ist ganz amüsant. Selbst der Kneipenbummel, der darauf abzielte, dass ich Männer kennenlerne, war für mich in Ordnung. Sie hat recht, wenn sie behauptet, dass mir das Herumgehocke in meinen vier Wänden nicht bekommt. Ihr neuster Einfall mich von meinem Kummer und der Tatsache, dass ich mit einem gebrochenen Handgelenk auf Hilfe angewiesen bin abzulenken, schlägt dem Fass jedoch den Boden aus. 

Vor vier Stunden hat sie, beladen mit einer Schwarzwälderkirsch und drei Flaschen Prosecco, an meiner Tür geklingelt und ist begleitet von einer Horde älterer Damen, hereinspaziert, als wäre sie bei mir zu Hause. 

„Das Putzkommando ist da!“, hat sie fröhlich verkündet, Torte und Prosecco in den Kühlschrank gestellt und mich angewiesen für ihre Helferinnen Kaffee zu kochen. 

Das Geschwader ist über meine Wohnung hergefallen und hat bewaffnet mit Staubtüchern, Putzlappen und Schrubbern meine Bude auf Vordermann gebracht. 

Jetzt sitzen sie in meiner Küche und plaudern, als gäbe es kein Morgen. 

Nervös geht mein Blick zur Uhr. Der Zeiger bewegt sich unaufhörlich weiter und mir ist klar, dass sie nicht rechtzeitig die Pferde satteln werden. 

„Chloé, komm setzt dich. Wir treffen uns jeden Samstag abwechselnd bei einer von uns und halten einen gemütlichen Kaffeeklatsch“, erklärt Ellens Mutter, der ich es zu verdanken habe, dass bei mir alles blitzt und blinkt. 

‚Muss das ausgerechnet heute bei mir sein?‘ denke ich genervt. 

Sie hält mir einen Teller hin. Jetzt etwas zu essen, ist absolut der falsche Zeitpunkt. Seufzend setze ich mich und koste ein winziges Stück. 

Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Der große Zeiger springt auf die zwölf und pünktlich auf die Minute läutet es. 

„Oh, du erwartest Besuch?“ 

Ellen schaut mich überrascht an, springt auf und eilt zur Tür. 

‚Verdammt, nicht auch das noch!‘ 

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Stromausfall 

Fortsetzung ...


Geistesgegenwärtig folge ich Ellen, öffne von ihr unbemerkt den Sicherungskasten und schalte die Stromversorgung meiner Wohnung aus.

In der plötzlichen Dunkelheit wird es für ein, zwei Sekunden mucksmäuschenstill, dann bricht aufgeregtes Geschnatter in der Küche los.

Im Schein der Displaybeleuchtung meines Smartphones kommt meine überraschte Kollegin auf mich zu.

„Was ist jetzt passiert?“

„Keine Ahnung“, antworte ich scheinheilig.

Aus der oberen Schublade meiner Flurkommode reiche ich ihr Streichhölzer und bitte sie im Küchenschrank nach Kerzen zu suchen. „Derweil kümmere ich mich um den weiteren Besucher.“

Tief durchatmend gehe ich zur Wohnungstür. Nach der Rückversicherung, dass mir niemand hinterherspioniert, öffne ich sie einen Spalt und schlüpfe ins hell erleuchtete Treppenhaus.

„Hi Chloé“, begrüßt er mich mit samtweicher Stimme und gibt mir ein Küsschen auf die Wange. „Willst du keine Jacke überziehen?“

Verlegen schaue ich auf meine Schuhspitzen.

„Ich … ehm, also ich habe einen Stromausfall und … Können wir unser Date verschieben?“

Die Enttäuschung, die sich in seinen Augen widerspiegelt, ist ganz meinerseits. Ich hatte mich auf den Abend mit ihm gefreut, aber unter den gegebenen Bedingungen, dass in meiner Küche eine Horde Tratschtanten sitzt, kann ich ihn nicht hereinbitten. Genauso undenkbar ist, dass ich Ellen und ihre Entourage allein in meiner Wohnung zurücklasse.

„Soll ich mal schauen, vielleicht ist eine Sicherung herausgesprungen“

„Nein!“ Mein hastiger Vorstoß lässt ihn die Augenbraue nach oben ziehen. „Der Hausmeister ist schon informiert.“

„In Ordnung.“ Er wendet sich zum Gehen, kehrt um und sieht mir tief in die Augen. „Ist es dir unangenehm, mit mir auszugehen?“

Energisch schüttle ich den Kopf und im gleichen Moment nähert er sich und gibt mir einen sanften Kuss auf die Lippen.

„Dann bis morgen, gleiche Uhrzeit.“

Mit diesen Worten steigt er die Stufen hinab. Mein Puls rast. Hektisch klopfe ich gegen die Tür. Die Geschwindigkeit, mit der Ellen öffnet, lässt mich vermuten, dass sie durch den Spion gelinst hat.

„Das war nur der Hausmeister. Der Strom wird gleich wieder eingeschaltet.“

„Hmm“, murmelt Ellen und grinst mich vergnügt an. „Der Hausmeister sah einem uns bekannten Luke verdammt ähnlich.“


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Katerfrühstück 

 

Fortsetzung ...


Beim ersten Augenaufschlag steigt mir der Geruch von gebratenem Speck und Eiern in die Nase. Angelockt von dem herrlichen Duft will ich meine Beine aus dem Bett schwingen und bereue unverzüglich meinen Elan.

Ein heftiges Pochen trommelt gegen meine Schläfen und die aufsteigende Übelkeit lässt mich nach Luft schnappen.

Langsam sinke ich ins Kissen zurück.

Moment mal!

Wo bin ich?

Aufgeregt schaue ich mich in dem fremden Schlafzimmer um und versuche mich zu erinnern, wie ich hierhergekommen bin.

Ellens dreißigster Geburtstag. Dunkel erinnere ich mich an die Feier im Bürgerhaus. Jede Menge Leute und …

Luke!

Mein neuerlicher Versuch, aus dem Bett zu kommen, gelingt, wenn auch nur schleppend. Ich suche nach meiner Oberbekleidung, schließlich kann ich nicht in eine Unterhose gehüllt durch eine fremde Wohnung auf der Suche nach deren Besitzer tapsen. Ein ordentlich auf einem Stuhl drapiertes Herrenhemd ist alles, was ich finden kann, ohne den Kleiderschrank zu öffnen.

In Ermangelung einer Alternative ziehe ich es über und knöpfe es zu.

Was war letzte Nacht geschehen? Wie bin ich in diese Wohnung gekommen? Habe ich mit Luke geschlafen? Bin ich überhaupt bei ihm?

Mein Zögern bringt nichts. Ich folge dem Duft in die Küche. Eine der vielen Fragen in meinem benebelten Gehirn ist gelöst. Der Koch am Herd ist zum Glück Luke.

„Guten Morgen Chloé.“

Er wendet sich mir zu und hebt den Kochlöffel zum Gruß.

„Eh … guten Morgen.“

„Setzt dich, du kommst genau richtig.“

Bei der Übelkeit, die in mir rumort, glaube ich nicht etwas essen zu können, aber ich irre mich. Beim Anblick des gedeckten Tisches läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

Luke häuft mir Ei mit Speck auf und nimmt mir gegenüber Platz.

„Der letzte Prosecco war schlecht“, murmelt er belustigt. „Deine Kleidung musste ich waschen.“

Röte schießt mir in die Wangen.

„Haben wir …“

Meine Frage hängt unausgesprochen zwischen uns in der Luft. Ich habe einen totalen Blackout und die Situation ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten.

„Sei unbesorgt.“ Luke zwinkert mir schelmisch zu. „Der Weg in meine Wohnung war näher und ich habe auf der Couch geschlafen. Und jetzt genieße dein Katerfrühstück.“

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Frisörbesuch 

Fortsetzung ...


 

Nach dem wirklich leckeren Frühstück frage ich voller Scham nach meiner Kleidung.

Luke grinst mich an und deutet auf eine Tür gegenüber.

„Ich war so frei, sie zu waschen. Deine Sachen sind gerade im Trockner. Bis du geduscht hast, dürfte er fertig sein.“

Erleichtert und besorgt zugleich verschwinde ich ins Bad. Die Dusche tut gut und ordnet meine wild durch mein Oberstübchen sausenden Gedanken. Ich schlüpfe in meine Klamotten, kämme meine Haare und öffne leise die Tür.

„Ja schneiden, föhnen, entfilzen … Läuse … heute noch … ok, ich komm dann später im Salon vorbei.“

Unwillkürlich kratze ich mich am Kopf und verlasse das Badezimmer.

„Du musst zum Friseur!?“ Es ist keine richtige Frage, eher eine Feststellung.

Luke dreht sich zu mir und hat wieder dieses schelmische Grinsen im Gesicht. Mit seinen Fingern fährt er sich durch seine etwas zu langen, braunen Haare und ich denke automatisch an die Läuse.

„Ja, ist auch mal wieder fällig. Gehst du mit, es dauert nicht lange und wir könnten im Park eine Runde mit dem Hund meiner Nachbarin drehen.“

„Ich sollte nach Hause gehen“, versuche ich mich herauszureden.

„Ach komm, sei kein Frosch. Die alte Dame hat sich das Bein gebrochen. Ich kümmere mich um Daisy und zu zweit macht es viel mehr Spaß.“

Mich kribbelt es am ganzen Körper. Läuse. Immer wieder geht mir durch den Kopf, was er gesagt hat. Ich habe seine Bürste benutzt und in seinem Bett geschlafen. Eigentlich habe ich das Bedürfnis, noch einmal zu duschen. Stattdessen stimme ich zu.

Eine halbe Stunde später sind wir auf dem Weg zu seinem Friseur. Die ersten wärmenden Strahlen der Frühlingssonne begleiten uns, aber ich kann das Unbehagen nicht ganz ablegen. Es ist unsinnig, denn es ist nichts Schlimmes, und dennoch …

„Du bist ein mieser Schuft“, murmle ich beim Anblick seines „Friseurs“.

„Das kommt davon, wenn man anderer Leute Telefonate belauscht.“

Vergnügt gibt er mir einen zärtlichen Kuss auf die Wange und zieht mich hinter Daisy in den Hundesalon. 

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April, April 

Fortsetzung ...


Die Aktion mit dem Hundesalon war echt mies und schreit nach einer Revanche.

Passenderweise fällt der erste April in diesem Jahr auf einen Freitag und weil er keine Nachtschicht hat, habe ich Luke zum Abendessen eingeladen.

Bisher ist mir allerdings nichts Geistreiches eingefallen und der Zeiger rückt unaufhörlich weiter.

Das Läuten an der Tür holt mich aus meinen Überlegungen. Ich öffne über die Gegensprechanlage und gehe zurück in die Küche, um letzte Hand an die Tomatensoße anzulegen. Prompt kleckere ich mir die Hand voll und stecke den Zeigefinger, den es am schlimmsten erwischt hat, in den Mund. Das ist der Moment, in dem Luke zur Tür hereinkommt.

Er wird leichenblass und wirft einen mitgebrachten Blumenstrauß auf den Tisch.

„Was ist passiert?“ Aufgeregt reißt er ein Geschirrtuch vom Haken und eilt zu mir.

Erst jetzt wird mir klar, dass ich aussehe, als hätte ich mir die ganze Hand abgesäbelt.

„Oh … es … also … es tut so weh.“

Mein gespieltes Jammern überdeckt das aufsteigende Kichern.

Luke wickelt meinen Finger in das Tuch und ich bin froh, dass ich nur die Arbeitsflächenbeleuchtung anhabe, sonst hätte er sofort erkannt, dass ich nicht mit Blut besudelt bin.

Behutsam lasse ich mich von ihm ins Bad führen.

„Wo hast du Desinfektionsmittel?“

Ich deute auf ein Schränkchen und lasse ihn in seine Arztroutine verfallen. Er legt ein frisches Handtuch bereit, schneidet Gaze und stellt sich das Octenisept daneben.

„Ich muss mir anschauen, wie schlimm es ist. So wie du blutest, muss das sicher genäht werden.“

Er hält meine Hand übers Waschbecken und wickelt das Geschirrtuch ab. Ein leichtes Stirnrunzeln verrät, dass er zum ersten Mal misstrauisch wird. Bevor er mir die Soße abwaschen kann, lecke ich lasziv mit der Zunge über meinen Handrücken und sehe ihm dabei tief in die Augen.

„Wäre doch schade um die gute Soße. April, April!“

Das Funkeln in seinen Augen schwankt zwischen böse und belustigt. Er zieht mich ein Stück näher an sich heran.

„Böses Mädchen, mir so einen Schrecken einzujagen.“

Sein Kopf kommt unaufhaltsam näher und dann küsst er mich unendlich zärtlich und fordernd zugleich.

#shortstorydienstag

Osterfeuer 

Fortsetzung ...


Ich halte mich etwas abseits, was eigentlich ziemlich dumm ist, denn die Nacht ist frostig und ich friere am ganzen Leib.

Luke steht neben mir, hält meine Hand und scheint sich nicht daran zu stören, dass wir nicht näher ans Feuer herantreten, das uns Wärme spenden würde.

Er war so enthusiastisch, als er mich gefragt hat, ob ich ihn begleite, dass ich nicht Nein sagen konnte, obwohl es für mich nicht gruseligeres gibt als groß aufgetürmte knisternde Lagerfeuer.

Die letzten Tage hat der Winter noch einmal Einzug gehalten und anstelle der ersten frühlingshaften Temperaturen beobachte ich den Schnee, der langsam wegschmilzt. Die Kälte kriecht in meine Knochen und ich fange an zu zittern.

„Ist dir kalt?“

War ja klar, dass es nicht lange unentdeckt bleibt, dass ich bibbere wie ein Zitteraal.

„Nein, es geht schon.“

Auf Lukes Gesicht erscheint ein skeptisches Lächeln. Er tritt an meinen Rücken heran und legt seine Arme um mich.

„Wir könnten ein Stück näher ans Feuer gehen.“

Sein Murmeln ist ganz dicht an meinem Ohr. Ich fühle seinen warmen Atem und spüre ein Kribbeln, das in meinem Bauch entfacht wird.

„N…ein, … n…ein, u…nser P…latz ist pr…ima“, sage ich mit klappernden Zähnen.

Er schlingt seine Arme fester um mich und ich schmiege mich an ihn.

„Willst du mir sagen, welches Problem du mit Feuer hast und warum du trotzdem mit mir zum Osterfeuer gegangen bist? Oder ist das nur ein Trick, um mit mir zu kuscheln?

Unwillkürlich muss ich lachen. Dankbar für die Brücke, die er mir baut, erzähle ich ihm von einer Nacht am Lagerfeuer mit zu viel Alkohol, die mit den geschmorten Sohlen meiner Tennisschuhe endete und genieße es, in seinen Armen zu liegen und von ihm warmgehalten zu werden.

#shortstorydienstag

Regenschauer 

Fortsetzung ...


Der Abend am Osterfeuer endet abrupt. 

Wie aus dem nichts ziehen Wolken auf und die Feuerwehr bricht die Veranstaltung wegen des aufkommenden Sturms ab. Kaum, dass wir uns auf den Weg zu Lukes Wagen machen, fängt es an, wie aus Eimern zu schütten. In Sekundenschnelle sind wir nass bis auf die Knochen. 

„Wir hätten einen Schirm mitnehmen sollen.“ 

Ich deute auf die Menschen um uns herum, die mit ihren Schirmen gegen die Wassermassen und den Wind ankämpfen. 

„Unsinn, die sind am Ende genauso nass und können ihren Schirm ersetzen, weil der Sturm ihm nicht standhält.“ 

Er deutet auf eine andere Stelle, an der ein Mann, der mit einem nach hinten gebogenem Regenschutz kämpft. 

„Wie dem auch sei, lass uns beeilen, es ist verdammt kalt.“ 

Luke verschlingt seine Finger mit meinen und wir beschleunigen unsere Schritte. Bis zum Auto ist es ein ziemliches Stück und insgeheim gebe ich ihm recht. Wir wären auch mit Schirm nicht trocken geblieben. 

Bei unserer Ankunft am Auto hat der Regenschauer nachgelassen und der Wind legt sich allmählich. Mich zieht es ins Warme, aber Luke öffnet den Kofferraum. 

Zunächst rechne ich damit, dass er eine Decke holt. Er zieht jedoch einen blauen Regenschirm hervor. 

„Reichlich spät, findest du nicht?“ 

„Ganz im Gegenteil.“ 

Er spannt ihn auf und hält ihn über uns, obwohl es kaum noch regnet. 

„Hörst du das leise Prasseln der letzten Tropfen?“ 

Ich nicke und bin zunehmend verwirrt. 

„Schließ die Augen und wünsch dir was.“ 

„Was …“ 

„Nun mach schon.“ 

Wie befohlen schließe ich meine Lieder und überlege, was ich mir wünschen könnte. Plötzlich spüre ich seine Lippen sanft auf meinen Mund gleiten. Sein besinnliches Necken lässt jeden Gedanken in meinem Kopf verpuffen und ich gebe mich dem wundervollen Gefühl hin. 

#shortstorydienstag

Missverständnis 

Fortsetzung ...


Ich warte seit einer viertel Stunde am Eingang zum Rummel auf Luke und er ist noch nicht aufgetaucht.

Letzte Woche haben wir uns zum ersten Mal geküsst und seither ständig Text- und Sprachnachrichten hin und her geschickt. Vor Aufregung auf heute Abend habe ich vergangene Nacht kaum geschlafen und war den ganzen Tag unkonzentriert.

In meinem Geist habe ich mir immer neue Szenarien ausgemalt, wie ich mit ein bisschen gespielter Furcht, bei dem ein oder anderen Fahrgeschäft in seinen Armen lande, um fortzusetzen, was wir beim Osterfeuer begonnen haben.

Dafür müsste er allerdings endlich kommen. Ich schaue auf mein Handy, aber er hat sich nicht gemeldet. In meiner Verzweiflung höre ich noch einmal seine Nachricht ab. Er war unterwegs, vielleicht habe ich ihn falsch verstanden.

„Um acht beim Rummel.“

Es gibt nur diesen Zugang zum Rummel, der für uns beide Sinn macht, sich zu treffen. Und wenn er jetzt am anderen Ende wartet? Oder wenn er es sich anders überlegt hat und mich versetzt?

Nervös tripple ich auf der Stelle. Der Zeiger auf meiner Uhr läuft unaufhörlich weiter. Unschlüssig werfe ich den nächsten Blick auf mein Handy. Ich könnte anrufen. Wenn er das Treffen vergessen hat, wäre es ein verzeihlicher Fauxpas. Hat er sich jedoch bewusst entschieden, nicht zu kommen, wird es peinlich und verletzend.

Meine alten Unsicherheiten und Ängste lassen sich nur schwer abschütteln. Allem voran meine Angst, zurückgewiesen zu werden.

Vertieft in mein Grübeln erschreckt mich das Klingeln meines Handys zu Tode.

Es ist Luke.

Der Knoten, der sich in meinem Magen gebildet hat, wird enger und schnürt mir die Luft ab. Zögerlich nehme ich das Gespräch an.

„Hey, wo steckst du?“, fragt Luke in einem neutralen Tonfall.

„Ich bin beim Eingang. Wo bist du?“

Mit hängenden Schultern entferne ich mich ein paar Schritte aus dem Getümmel.

„Ich habe erst draußen gewartet und dich dann drinnen gesucht. Jetzt stehe ich wieder vor der Tür, aber du bist unauffindbar. Siehst du mich?“

„Luke, wo sagtest du, treffen wir uns?“

„Ehm … Um acht bei Pummel. Wir hatten doch darüber gesprochen, dass ich dir Darts beibringe.“

Mit einem befreiten Lachen laufe ich los. Erleichtert, dass es nur ein Missverständnis war, nimmt die Aufregung wieder ihren alten Platz ein und löst den Knoten auf.

„Gib mir zwanzig Minuten und trink schon mal ein Bier. Ich steh noch am Rummel. Bis gleich.“ 

#shortstorydienstag

Schuld 

Fortsetzung ...


Triggerwarnung: Suizid

 

Es ist erst acht Monate her und ich lebe weiter, als wäre nichts passiert.

In einer halben Stunde kommt Luke. Er ist auf einem Geburtstag eingeladen und hat mich gebeten, ihn zu begleiten.

Seit ich dieses Date auf meinem Kalender in der Küche eingetragen habe, rumort es in mir. Der Versuch, meine Schuldgefühle zu verdrängen, ist mir in den letzten Tagen mehr oder weniger gelungen.

Vor einem Jahr haben wir auch gefeiert. Unsere Verlobung. Wir waren ausgelassen, haben Pläne geschmiedet. Bis zum Spätherbst stand der Termin, die Gästeliste, wir hatten eine Traumlocation gefunden und die Torte ausgesucht.

Während ich im Taumel der Planung glücklicher nicht hätte sein können, habe ich kein Auge dafür gehabt, wie es ihm ging.

Mir ist nicht aufgefallen, dass er sich immer weiter zurückgezogen hat. Er hat mir die Entscheidungen überlassen und sich nur halbherzig zu den Details geäußert. Wann immer ich ihn gefragt habe, welche Wünsche er hat, hat er mir lächelnd geantwortet: „Mein Wunsch ist, dich glücklich zu machen.“ Mir ist entgangen, dass etwas nicht stimmte. Ein Fehler, den ich nie wieder gut machen kann.

Ich klettere aus der Dusche, greife zum Smartphone und sage Luke mit einer fadenscheinigen Ausrede ab. Mir ist nicht nach Feiern zumute und ich wäre eine miserable Begleitung.

Die Bilder des 19. Oktobers haben sich auf meiner Netzhaut eingebrannt und lassen sich am heutigen Tag nicht löschen.

Er hing von der Decke in unserem Schlafzimmer. Wie eine Pfeilspitze deutete der rechte braune Lederschuh auf die Szenerie am Boden. Der Küchenstuhl, auf den er zuvor gestiegen war, um das Seil an einer Halterung an der Decke zu befestigen, war umgefallen und daneben lag sein anderer Schuh. Seine Arme hingen schlaff an ihm herunter und sein Kopf stand in einem merkwürdigen Winkel zum Rest vom Körper. Verzweifelt habe ich versucht, ihn von der Decke zu holen und geschrien, bis ich heiser wurde.

Die Nachbarn haben die Wohnungstür eingetreten und die Polizei gerufen.

Erst viel später hat die Obduktion zutage gefördert, dass er sich bereits am Morgen das Leben genommen hatte. Kurz nach unserem gemeinsamen Frühstück. Kurz nachdem ich das Haus verlassen hatte, um zur Arbeit zu fahren.

Völlig apathisch tapse ich aus dem Bad und lasse mich triefnass in mein Bett fallen. Die Last der Schuld wiegt schwer. Es gab keinen Abschiedsbrief und an Tagen wie heute frage ich mich, ob ich der Grund für seine Depressionen war.

 

Über die Tränen der Trauer, der Wut und der Verzweiflung bin ich eingeschlafen. Beim Wachwerden finde ich mich in einer tröstenden Umarmung wieder. Luke streichelt mir beruhigend über den Rücken und verteilt sanfte Küsse auf meiner Schläfe.

„Es war nicht deine Schuld! Ellen hat mir ihren Schlüssel gegeben. Ohne sie wüsste ich nicht, was heute für ein Tag ist. Sprich das nächste Mal bitte gleich mit mir.“

#shortstorydienstag

Wohnwagen 

Fortsetzung ...

 

Plötzlich kommt Bewegung in Luke. Er rollt sich von mir weg, steht auf und zieht mich aus dem Bett.

„Du wirst jetzt nicht in Depressionen verfallen.“

Er öffnet meinen Kleiderschrank, scannt kurz den Inhalt und zieht eine Reisetasche hervor. „Pack ein paar Sachen fürs Wochenende ein, wir fahren an die Küste.“

Meine Reaktion ist ein unmotiviertes Kopfschütteln.

„Keine Widerrede. Wir haben über Pfingsten beide frei. Das Wetter ist ausgezeichnet und ich kann dir endlich meine Heimat zeigen.“

Widerwillig lasse ich mich von ihm vor den Schrank bugsieren.

„Um auf andere Gedanken zu kommen. Ich schlepp dich auch nicht zu meiner Familie. Nur wir beide.“

Seufzend räume ich ein paar Teile in die Tasche. Sein Vorschlag ist nicht verkehrt. Zu Hause würde ich wirklich das ganze Wochenende über die vergangenen Ereignisse brüten.

 

Zwei Stunden später fahren wir durch die Dunkelheit. Die Autobahn haben wir schon eine Weile hinter uns gelassen, und obwohl ich es nicht sehen kann, habe ich das Gefühl, dem Meer immer näher zu kommen. Luke steuert den Wagen auf einen unbefestigten Feldweg und wir ruckeln über Stock und Stein auf eine kleine Anhöhe zu. Unter ein paar Bäumen kommt im Kegel der Scheinwerfer ein Wohnwagen zum Vorschein. Bei näherer Betrachtung frage ich mich allerdings, ob Luke seinen Verstand verloren hat.

„Du willst nicht ernsthaft in dieser Rostlaube übernachten?“

Der in die Jahre gekommene Anhänger wurde schon sehr lange Zeit nicht mehr vom Fleck bewegt. Die vormals weiße Außenhaut ist bunt bemalt. So, als hätten sich ein Trupp Kindergartenkinder daran ausgetobt und das Dach ist mit einer grünen Patina aus Moos überzogen.

„Es kommt auf die inneren Werte an“, erwidert er zwinkernd und steigt aus dem Wagen.

Missmutig lasse ich mich von ihm zum Wohnwagen führen und warte, bis er aus dem Sammelsurium seines Schlüsselbundes den passenden hervorgesucht hat.

Erstaunlicherweise lässt sich das Schloss ganz leicht öffnen. Er klappt die Treppe herunter, greift nach einer Petroleumlampe auf dem Boden und entflammt sie.

„Wow!“

Im zarten Schein der Flammen kommt ein wahres Paradies zum Vorschein. Von der ehemals funktionalen Inneneinrichtung fehlt jede Spur. In der linken Hälfte des Wohnwagens ist eine gemütliche Matratzenlandschaft mit bunten Kissen, Decken und einem großen Moskitonetz, das in Himmelbettmanier über dem Schlafplatz angebracht ist. Die rechte Hälfte ist mit einem bequemen Essplatz für zwei ausgestattet. Vor den Fenstern hängen bunte Scheibengardinen und es riecht dezent nach Vanille.

Luke deutet mit dem Kinn auf unser Nachtlager.

„Mach es dir gemütlich, ich hole unser Gepäck. Und morgen zeige ich dir den Rest meines ganz privaten Rückzugsorts.“

#shortstorydienstag

Mittsommer 

Fortsetzung ...

 

Wir haben zwei wundervolle Tage in Lukes Wohnwagen verbracht und ich bin ganz melancholisch, weil wir wieder zurück nach Hamburg müssen.

Wir waren viel am Strand und haben uns ein paar Sehenswürdigkeiten in der näheren Umgebung angesehen. Ich hatte ihn gebeten, mir seine Familie noch nicht vorzustellen. Was sich zwischen uns entwickelt, ist zu frisch, um von den Argusaugen seiner Sippschaft begutachtet zu werden. Vor der Abreise möchte er mit mir ins Dorf fahren und ich befürchte, dass wir „zufällig“ einem Cousin oder einer Großtante schlimmstenfalls seinen Eltern über den Weg laufen.

Es überrascht mich, dass er etwas außerhalb auf einem großen Feld parkt, das zu einem Parkplatz umfunktioniert wurde. Wir steigen aus und ich lasse mich von ihm über den unebenen Untergrund zur Straße leiten, die in den Ort führt.

„Nicht, dass es mich stört zu laufen, aber warum parken wir hier?“

„Die Zufahrt ist heute gesperrt.“

„Mehr willst du mir nicht verraten?“

Er schüttelt den Kopf und zieht mich weiter.

Wir passieren die ersten Häuser. Die Laternen sind mit Birkenzweigen geschmückt, an denen gelbe und blaue Bänder hängen. Auf allen Fenstersimsen stehen Blumenkästen mit bunten Stiefmütterchen und im Wind flatternden Fähnchen. Je näher wir dem Ortskern kommen, desto lauter wird die Musik, die eine Blaskapelle spielt.

„Was wird hier gefeiert?“

Anstatt mir zu antworten, biegt er um eine Straßenecke und was ich sehe, verschlägt mir den Atem.

Auf dem Rathausplatz steht eine Art Mai- oder Kirmesbaum, der mit Blätterranken umwickelt ist. Rundherum tanzen Frauen und Männer in Trachten zur Musik. Eine ewiglange Tafel zieht sich quer über den Platz. Daran kann geschätzt das gesamte 250 Seelendorf Platz nehmen. Ich lerne also nicht nur die Familie kennen.

Beim Näherkommen sehe ich, dass die Tafel mit weißen Tischdecken, bunten Blumen in Glasvasen und Porzellangeschirr eingedeckt ist. Kuchen, herzhaftes Gebäck, Salate und Brot stehen verteilt darauf. Es ist, als würde man zu einer Geburtstagsfeier kommen.

Eine Frau kommt auf uns zu und legt mir einen Blumenkranz auf den Kopf.

„Herzlich willkommen zum Mittsommerfest.“

Verwirrt blicke ich zu Luke. „Mittsommer?“

„Ja, die Olssons sind vor über fünfzig Jahren aus Schweden hierhergezogen. Das Heimweh war groß und weil sie so beliebt waren, hat der damalige Bürgermeister zu ihren Ehren ein Mittsommerfest ausrichten lassen. Seitdem wird alljährlich am Sonntag vor Mittsommer gemeinsam gefeiert.“

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Ritterspiele 

Fortsetzung ...

 

Das Läuten an der Tür holt mich aus der Betrachtung meines Outfits. Nachdem ich die letzten Wochen viel Zeit mit Luke verbracht habe, habe ich Ellen versprochen, endlich mal wieder mit ihr auf einen Mittelaltermarkt zu gehen. 

Vor vielen Jahren habe ich mir in einem Anflug jugendlichen Leichtsinns ein sündhaft teures Burgfrauengewand zugelegt. Ellen und ich waren häufig auf solchen Märkten und irgendwann wollte ich unbedingt ein der Veranstaltung würdiges Ensemble. 

Das dunkelblaue Leinenkleid mit der edlen Schnürung lag zuletzt viele Jahre in meinem Kleiderschrank. Ich hatte es fast vergessen. Würde Luke mich so sehen, würde er mich vermutlich genauso auslachen, wie Jochen es seinerzeit getan hat. Danach habe ich es nicht mehr getragen. Bis heute. 

Ein neuerliches Läuten reißt mich aus meinen Gedanken. Ich schnappe mir den zum Kleid passenden Samtbeutel, verlasse meine Wohnung und eile die Treppe hinab. Ellen strahlt mich in ihrem etwas schlichteren Zofengewand an und in mir steigt die Vorfreude auf unseren Ausflug auf. 

Dreißig Minuten nach unserer Abfahrt erreichen wir den Festplatz. Es ist, als würde man eine andere Welt betreten. Die mit Stroh ausgelegten Wege sind gesäumt von Holzhütten, an denen die Händler ihre Waren feilbieten. Überall sind Menschen in ihren mittelalterlichen Verkleidungen. Ob Minnesänger oder Schmied, ob Magd oder Gaukler, sie alle tragen zu der einzigartigen Atmosphäre bei. 

Wir ziehen von Stand zu Stand, beobachten Bogenschützen, wie sie meilenweit am gewünschten Strohballenziel vorbeischießen und haben viel Spaß. 

Am späten Nachmittag drängt Ellen zu einer Pause. Mit einer Schale Eintopf suchen wir uns einen Platz in der Arena und warten auf den nächsten Tjost. 

Ellen deutet auf einen Ritter, der gerade durch den rechten Eingang von seinem Knappen an den Start geführt wird. Am anderen Ende des Tilt bezieht ein zweiter Ritter Stellung. Um die Gunst einer noblen Dame zu erhalten, haben sich früher viele auf diesen gefährlichen Wettkampf eingelassen. Heute dient er unserer Unterhaltung. 

Obwohl ich weiß, dass nichts passieren kann, beschleunigt mein Puls, als sie mit gesenkten Lanzen aufeinander zureiten. 

Der Ritter von rechts gewinnt den Kampf. Er trabt auf seinem Ross in einem großen Bogen bis zum Ende der Arena und kommt dann direkt auf uns zugeritten. Wenige Meter vor uns zügelt er sein Pferd. Mit einer huldvollen Verneigung begrüßen wir uns. Er befreit seine Hände von seinen Panzerhandschuhen und reicht sie seinem herbeigeeilten Knappen. 

Lange, schlanke Finger kommen zum Vorschein. Sie packen den Helm und stülpen ihn langsam vom Kopf. 

„Lady Chloé, welch reizender Anblick.“ 

Völlig überrumpelt nehme ich das unterdrückte Glucksen von Ellen nur am Rande wahr. 

„Würdet ihr mir die Ehre erweisen und mich auf einem Ausritt zu Pferde begleiten?“ 

Der Ellbogen meiner Freundin landet unsanft in meinen Rippen. 

„Autsch!“ 

Verärgert sehe ich zu ihr. In ihren Augen blitzt der Schalk. 

„Verzeiht Lady Chloé, wenn ihr Ritter Luke nicht baldigst eine Antwort gebt, kann ich mein Amüsement nicht länger zurückhalten.“ 

#shortstorydienstag

Wüstensand 

Fortsetzung ...

 

„Da bist du ja endlich.“

Luke kommt müde und antriebslos aus dem Seiteneingang des Krankenhauses. Er hat mich gebeten, ihn abzuholen, nachdem aus seiner 24 Stunden- eine 36 Stundenschicht geworden ist.

Er kommt auf mich zu und gibt mir einen zärtlichen Kuss. Seine Erschöpfung kriecht aus jeder seiner Poren.

„Lass uns verschwinden, nicht dass mich noch einer sieht und zurückholt. Ich hatte es mit genug Irren zu tun, die mich von echten Notfällen abgelenkt haben.“

Wir kommen an meinem Wagen an und ich drücke die Entriegelung.

„Was war denn los?“

Ich habe von keinem größeren Unglück gehört, dass zu dieser angespannten Situation geführt haben könnte. Er wischt über mein Autodach und hält mir seinen roten, sandigen Finger hin.

„Wüstensand. Wenn die Wetterbedingungen so sind, dass der Saharasand bis zu uns gelangt, drehen gefühlt alle durch.“

„Das Phänomen ist doch kein unbekanntes.“

Er öffnet die Tür und lässt sich auf den Sitz fallen.

„Richtig und es ist eigentlich völlig harmlos. Lediglich Menschen mit Lungenerkrankungen können ein paar Auswirkungen haben, aber die sind nicht das Problem. Es sind die ganzen Verrückten. Zwei Männer haben sich geprügelt, weil der eine dachte, der Nachbar hätte sein Auto mit Sand überschüttet. Ein Blick zum nächsten geparkten Wagen hätte gereicht, den Irrtum zu erkennen. Stattdessen hatte ich es mit einer Platzwunde und einem gebrochenen Arm zu tun. Aber lass uns nicht mehr von meiner Arbeit reden. Du wolltest mit mir frühstücken, bevor ich meinen wohlverdienten Schlaf bekomme. Wo fahren wir hin?“

Fieberhaft überlege ich, aber auf die Schnelle fällt mir keine Alternative ein.

„Lass uns Brötchen holen und zu Hause essen.“

Ohne ihn zu sehen, fühle ich seinen Blick mit der gerunzelten Stirn auf mir ruhen.

„Du wolltest mir doch dein Lieblingscafé zeigen. Komm, ich bin zwar k. o., aber für ein Frühstück in deiner Gesellschaft bin ich nie zu müde.“

„Das können wir auch ein anderes Mal machen“, wiegele ich ab.

„Chloé, ich bitte dich. Wo wolltest du hin?“

Seufzend gebe ich mich geschlagen.

„In die Caféoase am Rathaus.“

#shortstorydienstag

Baumhaus 

Fortsetzung ...


Nervös knete ich meine feuchten Hände. Luke, der gerade vor einem kleinen Häuschen im Grünen geparkt hat, greift über die Mittelkonsole und drückt mich.

"Entspann dich."

Seine Schwester hat uns zum Grillen eingeladen, aber ich bin nicht sicher, ob ich schon dazu bereit bin, mich seiner Familie zu stellen. Wir verstehen uns gut, ich fühle mich mit ihm wohl und in meinem Bauch schwirren jede Menge Schmetterlinge umher, aber reicht das, um den Schritt zu wagen, die Familie kennenzulernen?

„Na komm, spring ins kalte Wasser, sie werden dich nicht auf dem Scheiterhaufen verbrennen.“

Er öffnet die Tür und steigt aus. Seine sehr aufmunternden Worte lösen bei mir nicht den Enthusiasmus aus, den er damit bezwecken wollte. Ich bleibe wie erstarrt sitzen, beobachte im Rückspiegel, wie er etwas aus dem Kofferraum holt und auf meine Seite kommt. Die Tür öffnet sich.

"Jetzt komm schon."

Er zieht mich aus dem Wagen und drückt mir einen Schlafsack in die Hand.

„Ehm, was ist das?“ Ich winke ab. „Nein, ich meine, was soll ich mit einem Schlafsack?“

„Für den Fall, dass es später und feuchtfröhlich wird.“

Bevor ich etwas erwidern kann, geht die Haustür auf und eine hübsche Brünette Anfang dreißig kommt mit einem kleinen Jungen auf dem Arm zu uns. Ein weiterer Junge rennt auf Luke zu und lässt sich schwungvoll von ihm auf den Arm nehmen und herumwirbeln.

Verlegen stehe ich mit dem Schlafsack daneben.

„Du musst Chloé sein. Ich bin Susan. Freut mich, dass wir uns endlich kennenlernen, ich habe schon so viel von dir gehört.“

Sie nimmt den Schlafsack, wirft ihn achtlos auf den Boden und umarmt mich herzlich.

Gemeinsam gehen wir hinters Haus. Sie stellt mir ihren Mann vor und nach einigen Minuten Small Talk entspanne ich mich und beginne mich tatsächlich wohlzufühlen.

Wie Luke prophezeit hatte, wird es wirklich spät. Gegen halb zwei kann ich die Augen kaum noch aufhalten.

„Ich glaube, wir sollten unser Nachtlager beziehen“, sagt Luke, als ich gerade ein neuerliches Gähnen unterdrücke.

"Bist du sicher, dass ihr nicht reinkommen wollt?"

Susans Frage irritiert mich ein wenig, aber mein Gehirn hat seine Funktionen schon in einen Ruhezustand geschickt. Sie wünscht uns eine gute Nacht und wir bleiben allein auf der Terrasse zurück.

"Komm, du siehst müde aus."

Er steht auf, nimmt die Schlafsäcke, die wir vor Stunden in eine Ecke gestellt haben und führt mich in den Garten.

Unter einem Baum bleibt er stehen, greift nach einem Seil und zieht einmal kräftig daran. Von oben kommt eine Strickleiter herunter.

"Das ist nicht dein Ernst?"

„Sehe ich aus, als würde ich scherzen? Der Platz ist ideal. Wir sind allein und können die Perseiden auf ihrem diesjährigen Höhepunkt beobachten.“

In diesem Augenblick wird mir klar, dass ich mich unsterblich in den Arzt mit den verrückten Ideen verliebt habe und wage den Aufstieg ins Baumhaus.

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Lampenfieber 

Fortsetzung ...


Seit ich es mir vor zwei Stunden auf Lukes Wohnzimmercouch mit einem Roman gemütlich gemacht habe, läuft er immer wieder von einem Raum zum anderen. Dabei hält er einen Zettel in der Hand und murmelt unverständliche Worte vor sich hin. 

Noch habe ich mich nicht getraut, ihn zu fragen, womit er beschäftigt ist, aber wenn er nicht bald etwas von seiner förmlich greifbaren Anspannung ablegt, explodiert der Kessel, in dem er sein Süppchen kocht. 

Seufzend lege ich mein Buch beiseite und folge dem Rauschen des Wassers. Er steht unter der Dusche und flucht unwirsch. 

„Sag mal, was ist heute eigentlich mit dir los?“ 

Er wischt mit der flachen Hand über die angelaufene Scheibe und schaut mich verdrossen an. 

„Ich muss später auf die Spendengala des Krankenhauses. Sie wollten einen smarten jungen Mediziner, der die Danksagung an die Sponsoren hält. Kennst du das, alle stehen in einer Reihe und bei der Frage, Freiwillige vor? gehen alle einen Schritt zurück, nur ein Trottel bleibt stehen. Der Trottel bin ich.“ 

Ohne es zu wollen, muss ich herzhaft lachen und fange mir einen bitterbösen Blick ein. 

„Seis drum, dann hältst du halt eine Rede und mimst deine Rolle.“ 

„Ich habe entsetzliches Lampenfieber. Wenn ich auf der Bühne im Scheinwerferlicht stehe, bekomme ich schweißnasse Hände, meine Kehle wird staubtrocken und ich bekomme höchstens ein ersticktes Röcheln hervor. Wäre nicht das erste Mal.“ 

Verständlich, dass er angespannt ist. Es gibt nichts Schlimmeres, als bei so einer Veranstaltung zu versagen. 

„Gibt es keinen Trick, der dir hilft, dich zu konzentrieren?“ 

Er stellt das Wasser ab und hangelt sich sein Handtuch durch den Türspalt der Duschkabine. 

„Ein vertrautes Gesicht, dass ich fokussieren kann.“ 

„Das sollte ein lösbares Problem sein. Fixiere einen deiner Kollegen.“ 

Er tritt aus der Dusche und schüttelt resigniert den Kopf. Ich eile zu ihm und nehme ihn in den Arm. 

„Keine Kollegen, nur Fremde und ein freier Platz.“ 

Mit gerunzelter Stirn warte ich darauf, dass er sich erklärt, aber er bleibt stumm. 

„Herrje, lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Warum ein freier Platz?“ 

„Weil ich keine Begleitung habe.“ 

Ich trete einen Schritt zurück. 

„Luke, bitte, ich verstehe nur Bahnhof.“ 

„Ich habe diesen dämlichen Termin vergessen und demnach auch, dich zu fragen, ob du mich begleitest. Heute Morgen bin ich aus allen Wolken gefallen und seitdem kämpfe ich gegen mein Lampenfieber an.“ 

Langsam ziehe ich mein T-Shirt aus, streife mir die Shorts von den Beinen und steige zwinkernd unter die Dusche: 

„Dann ist es ja gut, dass ich heute Abend noch nichts vorhabe.“

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Cocktailparty 

Fortsetzung ...


Lukes Rede bei der Spendengala war ein voller Erfolg. Zur anschließenden Cocktailparty sind zahlreiche seiner Kollegen geladen, allen voran sein Chefarzt. 

Irgendwie hatte ich nicht damit gerechnet, an diesem Abend auf jemanden zu treffen, bei dem Luke einen positiven Eindruck hinterlassen möchte. Mein Kleid ist chic, aber es kann nicht mit den teuren Roben der Arztgattinnen mithalten. Und ganz plötzlich bin ich es, die ein ungewohntes Lampenfieber befällt. 

„Komm, ich stell dich Dr. Albers vor.“ 

Luke hakt mich unter. Er will mich zu dem großgewachsenen Mann mit dem schütteren Haar, der strengen Brille und der eleganten blonden Amazone an seiner Seite führen. Unwillkürlich versteife ich mich. 

„Was ist los?“ 

„Ehm … lass mich noch schnell für kleine Königstigerinnen.“ 

Ich gebe ihm keine Gelegenheit, mich aufzuhalten, nehme meine Handtasche vom Stehtisch und schlängle mich durch die Damen in ihren knappen Cocktailkleidern und die Herren im Smoking. Im Foyer suche ich die Damentoilette. Glücklicherweise wartet niemand und kann direkt hineingehen. 

Wie alles in dem Luxushotel sind auch die sanitären Anlagen vom Allerfeinsten. Ich durchquere den Vorraum und schließe mich in einer Kabine ein. 

„Und jetzt?“, murmle ich leise und sinke auf den geschlossenen Klodeckel. Soll ich darauf hoffen, dass Luke beim Small Talk mit Kollegen und Spendern vergisst, dass seine Begleitung abtrünnig ist? 

Nach zehn Minuten schickt er mir die erste Nachricht, nach fünfzehn die zweite. Keine der beiden beantworte ich. 

Kurze Zeit später höre ich, wie sich die Tür des Vorraums öffnet. 

„Chloé, bist du da drin? Geht es dir gut oder brauchst du einen Arzt?“ 

In diesem Augenblick glaube ich im Erdboden versinken zu müssen. Das ist typisch Luke, kann er mich nicht einfach in Ruhe lassen? 

„Es geht mir gut.“ 

„Schön, dann solltest du rauskommen, bevor es zum Eklat kommt, weil ich auf der Damentoilette bin.“ 

Die Tür fällt ins Schloss. Ich kratze meinen letzten Rest Mut zusammen und schlurfe in den Vorraum. Im Spiegel schaut mich eine unsichere, unscheinbare Frau an, die neben all den anderen Frauen an diesem Abend verblasst. Das kalte Wasser, das ich mir über die Handgelenke laufen lasse, beruhigt meinen Puls, meine Unsicherheit nimmt es mir nicht. 

Plötzlich geht die Tür auf. 

Lukes Blick trifft meinen im Spiegel. Seine Augen schauen mich erst besorgt an und dann beginnt er zu lächeln. Dieses Lächeln, das nur für mich bestimmt ist und mir ohne Worte zeigt, dass ich die eine für ihn bin und deretwegen er keine andere ansieht. Dieses magische Lächeln gehört mir. 

„Was ist eigentlich los?“ 

„Nichts, ich musste mir nur kurz den Kopf zurechtrücken. Lass uns an der Bar einen Cosmopolitan holen und stell mir endlich deinen Chef vor.“ 

#shortstorydienstag

Nachtwanderung 

Fortsetzung ...


Nachdem ich meinen Mut zusammengekratzt hatte, um mich den Kollegen von Luke auf der Cocktailparty zu stellen, wurde es noch ein amüsanter Abend, bei dem ich viel über den Mann an meiner Seite erfahren habe. Alle waren sehr nett zu mir, allen voran sein Chef Dr. Albers und ich habe mich zunehmend entspannt. 

Luke hat sich den ganzen Abend an alkoholfreien Cocktails festgehalten, um uns nach der Feier nach Hause zu fahren, aber das Schicksal hat andere Pläne mit uns. 

Wir stehen seit einer halben Stunde auf dem Parkplatz und der Wagen springt nicht an. Der Abend ist zwar mild, aber die Müdigkeit nach dem langen Tag lässt mich kaum noch auf den Beinen halten. 

Just, als ich Luke bitten möchte, ein Taxi zu rufen, zückt er sein Handy. 

„Leer, verdammt, gib mir deins.“ 

Ich krame in meiner Handtasche und reiche es ihm. 

„Kein Empfang“, murmelt er mürrisch. „Komm, lass uns zum Telefonieren ins Hotel gehen.“ 

Er nimmt mich an die Hand und ich folge ihm bis zum Ende des Parkplatzes. Plötzlich fällt mein Blick auf ein Hinweisschild uns meine Müdigkeit ist wie weggeblasen. 

„Sieh mal, da geht es zum Volkspark. Wenn wir den durchqueren, sind wir fast in meinem Viertel. Um den Wagen kümmern wir uns dann morgen.“ 

Skeptisch runzelt er die Stirn und lässt seinen Blick zu meinen Füßen sinken. Ich streife meine schwarzen High Heels ab und laufe lachend in Richtung des Parks davon. 

„Du wirst dir die Füße wund laufen“, ruft er und kommt hinter mir her. 

„Das ist mir egal, ich kenne da einen Arzt, der mit seinen Händen wahre Wunder vollbringt.“ 

Der volle Mond lugt hinter einer Wolke hervor und beleuchtet unseren Weg durch den weitläufigen Park. Hier und da ruft ein Käuzchen und begleitet uns auf unserer Wanderung durch die Nacht.